London 2012
Bilanz
Peter Balzli: «Ein nie erlebtes Wir-Gefühl»
SRF-Korrespondent Peter Balzli hat die Olympischen Spiele in London aus nächster Nähe miterlebt und stellt den Organisatoren ein ausserordentlich gutes Zeugnis aus. Im Interview äussert er sich über das ausgebliebene Verkehrschaos, die britische Euphoriewelle und die Nachhaltigkeit der Bauten.
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Die London-Spiele wurden beinahe durchs Band weg gelobt. Was für ein Zeugnis stellen Sie Ihrer Wahlheimat für die Organisation der Spiele aus?
Ich bin sehr, sehr überrascht, wie gut alles geklappt hat. Insbesondere dachte ich, dass der Verkehr zusammenbrechen würde. Das ist nicht eingetroffen und die Organisatoren rätselten lange Zeit, warum nicht. Der Grund liegt wohl darin, dass viele Touristen wegen Olympia nicht gekommen sind und dass viele Londoner wegen den Spielen verreist oder nicht in die Stadt gekommen sind. Deshalb hat alles ziemlich reibungslos funktioniert.
Wie präsentierten sich die Londoner?
Die Organisatoren hatten angekündigt, «friendly games» veranstalten zu wollen. Das machte mich ein wenig stutzig, denn in meinem Alltag erlebe ich die Londoner als sehr bürokratisch. Nach der Nachricht, dass 17‘000 Soldaten – einige Tausend davon direkt aus Afghanistan – für die Sicherheit sorgen sollen, dachte ich mir, dass aus dem Vorhaben wohl nichts werden würde. Aber es wurden tatsächlich «friendly games». Die Soldaten, die Volunteers, alle Beteiligten waren wahnsinnig nett. Sogar englische Journalisten schrieben in Kommentaren, dass es für sie eine grosse Überraschung sei, wie freundlich die Engländer seien. Aber bereits am Montag verspürte ich einen Rückgang zum Alltag.
Ist das auch der Euphoriewelle, ausgelöst durch die Medaillenflut von britischen Sportlern, zu verdanken?
Einerseits sicher dieser Euphorie, andererseits wurden die Soldaten sehr gut gebrieft. Aber es hat den Spielen zweifellos enorm gut getan, dass die Briten so viele Medaillen geholt haben. Das stiftete eine Euphorie, ein Wir-Gefühl, wie ich es noch nie erlebt habe. Was man auch positiv erwähnen muss, ist die englische Fairness.
Es gibt nun Stimmen, die besagen, dass der Grosserfolg von «Team GB» den Unabhängigkeitsplänen der Scottish National Party alles andere als zuträglich waren…
Das habe ich noch gar nicht bedacht. Aber es ist ohnehin so, dass die Unabhängigkeitspläne momentan keine Chance haben, wenn man Volksbefragungen glaubt. Nun wurde der Zusammenhalt nur noch verstärkt. Denn die Schotten, Waliser und Nordiren merkten auch, dass es «fegt», wenn man zusammen jubeln kann. Fast jede Region hat Medaillengewinner hervorgebracht. Den schottischen Nationalisten hat das sicher geschadet.
Waren es aus Ihrer Sicht «Londoner» oder «britische» Spiele?
Das ist eine schwierige Frage. Es gab zwar Fussballspiele in Cardiff und Glasgow, Segelwettbewerbe in Weymouth… Kurz, es gab britische Elemente, aber es waren für mich ganz klar Londoner Spiele.
Es scheint, als ob Londons Bürgermeister Boris Johnson stark an Popularität gewonnen hat. Ist das von Dauer?
Johnson war schon vorher populär, weil er so viel Humor hat und so intelligent ist. Doch nun schrieben viele Kommentatoren, dass so ein «Witzbold» kein ernsthafter Anwärter für einen Spitzenposten in der Politik sein kann. Doch das wird sich zeigen, denn die Popularität von Politikern ist ohnehin immer ein Auf und Ab. Aber Johnson ist einer der grossen Gewinner dieser Spiele, das ist unbestritten.
Konnte Premierminister David Cameron die Spiele ebenfalls zu seinen Gunsten nutzen?
Ja, das würde ich sagen. Er hatte sehr gute Auftritte und ist nicht Gefahr gelaufen, allzu sehr auf die nationalistische Trommel zu schlagen. Er betonte immer wieder, dass das Erbe der Spiele weitergegeben werden müsse - sprich, dass der Sport in den Schulen gefördert werden soll. Er machte das sehr intelligent – unabhängig davon, ob man politisch einer Meinung mit ihm ist oder nicht. Cameron drängte sich nicht in den Vordergrund, was sympathisch war.
Das Budget für die Spiele wurde zwar gesprengt, doch im Volk scheint das nicht gross zu stören. Kommt der Ärger erst noch?
Nein, das glaube ich nicht. Denn der Tenor lautet: «Die Party war es uns wert». Aber: Die Sparpolitik der Regierung geht weiter, denn sie will vermeiden, dass das Kreditrating noch schlechter wird. Ich erwarte daher wieder Demonstrationen und Streiks diesen Herbst.
Das Komitee setzte auf Nachhaltigkeit. Wurde das erreicht?
Es sind meiner Meinung nach die ersten Spiele der Geschichte, wo man von Anfang an darauf geachtet hat, dass man nicht Stadien baut, die nachher niemand benutzt, wie in Athen und Peking geschehen. Das ist meiner Meinung nach gelungen – ob überall, muss noch abschliessend beurteilt werden. Einziger Stolperstein ist das Olympic Stadium, das wegen eines Rechtsstreits während Jahren nicht verkauft, sondern nur vermietet werden kann. Das Hauptstadion wird die Stadt wohl noch viel Geld kosten. Was viele Leute empört hat, ist die Tatsache, dass aus dem Athletendorf nicht wie geplant Sozialwohnungen, sondern «erschwingliche» Wohnungen werden sollen.
Stratford und weitere Teile erfuhren durch den Bau des Olympic Park einen Aufschwung. Glauben Sie, dass Olympia für die vorher eher heruntergekommenen Stadtteile eine länger dauernde Strahlkraft hat?
Die Meinungen gehen auseinander, aber ich bin überzeugt davon. Das Einkaufszentrum Westfield brachte schon zahlreiche Arbeitsplätze hervor. Zudem sollen im IBC, dem mit modernster Technologie ausgestatteten International Broadcasting Center, wo die Journalisten während Olympia arbeiteten, Internet- und Computerfirmen angesiedelt werden. Eines der ärmsten Gebiete im ganzen Land soll dadurch 8000 hoch qualifizierte Arbeitsplätze erhalten. Sollte das gelingen, würde das den Stadtteil nachhaltig verändern. Die Weichen sind gut gestellt.
Und zum Schluss: Was war Ihr persönliches Highlight der letzten knapp 3 Wochen?
Es sind zwei: Das eine ist die Zielankunft im Frauen-Triathlon. Das war irrwitzig, atemberaubend. So etwas wird es wohl nie mehr geben. Und dass Nicola Spirig dabei war, ist verrückt. Das zweite Highlight war am Rand des Reitplatzes, als Steve Guerdat Gold holte. Das hat mich sehr berührt.
(Interview: Sarah Schiller)


