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London 2012

Bilanz - Tennis

Wimbledon mal ganz anders

Stefan Bürer, London
Montag, 13. August 2012, 14:12 Uhr

Das Gewohnte: Roger Federer in Wimbledon im Final. Das Ungewohnte: Spieler in bunten Dresses, ein wunderlicher «Kaffee» und versperrte Schleichwege. SF-Tennis-Kommentator Stefan Bürer zieht eine etwas andere Bilanz des olympischen Tennisturniers.

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«Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Stellte ich mal wieder fest, als ich am ersten Olympiatag nach Wimbledon kam. 1995 war ich das erste Mal auf der wunderschönen Anlage im Südwesten Londons, seither hatte ich viel Zeit, mir jede Ecke anzuschauen. Nach all den Jahren weiss ich, welches der kürzeste Weg von A nach B ist, wie man sich am schnellsten ein Wasser besorgt und wen man fragen muss, wenn doch einmal etwas Unbekanntes auftritt.

Nichts wie gewohnt 

Als ich also am ersten Olympiatag nach Wimbledon fuhr, stellte ich fest, dass nichts so war, wie ich es mir gewohnt war. Das begann schon, als ich zum gewohnten Eingangstor wollte: Strasse geblockt, Zugang nicht möglich. Als ich dann an einem anderen Tor nach umfangreicher Sicherheitskontrolle Zulass fand, wollte ich auf meine gewohnte Kommentatorenposition, aber: da sass schon jemand anders.

Ich brauchte also erst mal einen Kaffee, ging sicheren Schrittes Richtung Kaffeemaschine im Medienzentrum und fand statt der gewohnten Maschine mit Auswahlmöglichkeiten zwischen Espresso und Latte: einen blechernen Kübel, aus dem die Leute vor mir irgendeine dampfende braune Flüssigkeit rausliessen.

Hmm, dachte ich. Dann halt kein Kaffee. Dann hole ich mir bei den vertrauten Kollegen der ATP erst mal die Unterlagen und Statistiken für das bevorstehende Match. Die vertrauten Kollegen waren allerdings grade nicht da, dafür freundliche Helfer, die mir auf Nachfrage freudestrahlend ein Papier in die Hände drückten. Darauf stand: «Roger Federer wird heute in der ersten Runde gegen Alejandro Falla aus Kolumbien spielen.» Hmm, dachte ich schon wieder: Das ist doch mal eine wertvolle Information.

Wo ist das Wimbledon-Weiss?

Mein Blick schweifte über die Anlage. Das vertraute Grün war geblieben, das ebenso vertraute Wimbledon-Violett allerdings durch das gewohnungsbedürftige Olympia-Pink (oder so) ausgetauscht worden. Auf den Plätzen tummelten sich Spieler in Blau, Rot, Gelb und ja, auch in Orange. Ich sehnte mich nach dem guten alten Weiss und überhaupt nach dem richtigen Wimbledon zurück. In den ersten Tagen ging es mir also wie Roger Federer: Ich war etwas verwirrt und brauchte Zeit, mich mit allem anzufreunden.

Bild «Team GB» - der Schotte Andy Murray würde sich an einem nicht-olympischen Wimbledon-Turnier wohl dafür bedanken.
«Team GB» - der Schotte Andy Murray würde sich an einem nicht-olympischen Wimbledon-Turnier wohl dafür bedanken. keystone

Es wurde, wie bei Federer, jeden Tag besser. Er begann, sich wohlzufühlen, ich mich auch. Sportlich gabs ein paar Rückschläge auszuhalten: Wawrinkas erwartetes Out in der ersten Runde gegen Murray und die unnötige Niederlage unseres Doppels gegen zwei Israeli, die ausserhalb der Doppelszene kaum einer kennt. Und ich fragte mich, warum Swiss Olympic eigentlich keine Schweizer Spielerinnen am Start haben wollte. Wären die Erfolgsaussichten von Romina Oprandi und Timea Bacsinszky wirklich viel kleiner gewesen als jene anderer Schweizer Olympioniken?

Federer schafft Vertrauen

Wie auch immer: Alles nahm den gewohnten Lauf. Federer war bald der einzige verbliebene Schweizer, er gewann alle wichtigen Punkte und auch die Matches. Der Halbfinal gegen Juan Martin Del Potro elektrisierte die Massen, zapfte aber beim Maestro zuviel Strom ab. Dieser Marathonsieg kostete ihn Gold, Silber war gegen einen überragend aufspielenden Andy Murray der maximal mögliche Ertrag.

Und, ja: Roger Federer freute sich angesichts der beschriebenen Umstände über Silber. «Enttäuschend!» hörte ich einige sagen. Aber mal ehrlich: Kennen Sie viele Schweizer Sportler, die an Olympischen Spielen Gold und Silber gewonnen haben? Nein? Ich auch nicht.

Zurück zur Normalität

Der Tennistross ist längst weitergezogen, Olympia in Wimbledon ist Geschichte. Aus Olympia-Wimbledon wird wieder Wimbledon. In 46 Wochen, wenn die nächsten Championships starten, wird es aussehen wie immer. Das freut das Gewohnheitsstier in mir (und sicher auch jenes in den Spielern). Und doch werde ich mich zurück erinnern und denken: es war schön»

Bild Stefan Bürer.
Stefan Bürer. SRF