London 2012
Seitenblick auf London
Taffy, die royale Geiss
Uniformierte rufen in unseren Breitengraden oft negative Assoziationen hervor. An den Olympischen Spielen hingegen geniessen die teils pompös aufgemachten Vertreter der militärischen Zunft hohes Ansehen und sind eines der beliebtesten Fotosujets.
Taffy ist 6 Jahre alt und steht eigentlich nur rum. Taffy ist reich dekoriert – von einer Strickdecke mit aufgenähten Medaillen umschlungen. Ihre langen Hörner sind von Metall ummantelt. Taffy ist das wichtigste Lebewesen in den Royal Welsh Guards, wo auch Prince Charles vor über 40 Jahren seine ersten militärischen Sporen abverdiente.
Das zweitwichtigste Lebewesen ist Lyndon Housley, der sogenannte Goat Major. Der ist noch mehr dekoriert als sein ständiger Begleiter. Taffy, die uniformierte Ziege, ist quasi die britische Antwort auf Hennes VIII., das Geissbock-Maskottchen des 1. FC Köln. Kein Wunder, dass das farbenfrohe Duo Housley/Taffy, wo immer es auftaucht, schnell umringt ist, da ein ideales Fotosujet hergebend. So auch gestern im Hyde-Park beim Marathon-Schwimmen.
18 Stunden Schlange stehen für ein Ticket
Und so gibt es immer etwas Spezielles, Ausgefallenes, Verrücktes zu sehen rund um die verschiedensten Venues. Auch deshalb sind die Tickets so begehrt; man will dabei sein, um (fast) jeden Preis – wegen des Sports, aber auch wegen des einmaligen Drumherums. Die vielen Medienberichte über die Olympiabegeisterung führen dazu, dass viele Engländer in ihrer Urdisziplin, dem Schlange stehen, zur absoluten Höchstform auflaufen.
Ein Büroangestellter, der seinen Namen nicht nennen will (wohl wegen des Chefs), ist an 3 Tagen hintereinander total 18 Stunden lang angestanden, um noch eines der letzten Tickets zu ergattern – und dennoch ist er leer ausgegangen. Dabei hätte er doch ohne mit der Wimper zu zucken 450 Pfund für ein Leichtathletik-Ticket hingeblättert.
Hip-Hop und traditionelle Trompeter
Man stelle sich einmal vor, beim Beachvolleyballturnier in Gstaad würde eine klassische Musikkapelle als Pausenattraktion zwischen den Spielen auf dem Sand herummarschieren und Blechmusik spielen. Das würde wohl nicht funktionieren.
Wenn aber in London eine militärische Band, sogar noch stilübergreifend in Kombination mit zwei Hip-Hop-Sängern, vor 15'000 Zuschauern beim Beachvolleyball ihre Trompeten schmettern lässt, dann funktioniert das bestens. Olympia macht es möglich. Und da drücken auch Traditionalisten - wenigstens bis Sonntag - ein Auge zu.
Aber diese werden doch froh sein, dass die Beachvolleyballer den Horse-Guards-Parade-Platz endlich wieder frei geben, sodass die traditionelle Wachablösung der Reitergarde wieder standesgemäss und nicht mehr in einer engen Seitenstrasse abgewickelt werden kann.


