London 2012
Seitenblick auf London
Wasserball: «Tünklä» auf hohem Niveau
Die olympischen Kernsportarten, wie die Leichathletik oder Schwimmen, ziehen die Massen in ihren Bann. Aber es sind die vielen Nebensportarten, welche die so wichtige olympische Vielfalt prägen. Ein Plädoyer für die faszinierenden Sportarten am Rande des Scheinwerferlichts, wie zum Beispiel Wasserball.
Usain Bolt wollen alle sehen: Der 100m-Lauf bescherte dem englischen Sender BBC eine Einschaltquote von durchschnittlich 20.1 Mio. Zuschauern. Nur die Eröffnungsfeier hatte mit 23.02 Mio. noch knapp mehr TV-Zuschauer in den Bann gezogen. Aber warum müssen es denn immer die Superstars oder die US-Basketballer sein?
Schauen Sie doch mal beim Wasserball rein – Sie werden nicht enttäuscht sein. Gerade der unverstellte Blick auf eine persönlich unbekannte Sportart kann einem eine neue (sportliche) Welt eröffnen.
Es wird geflunkert und gefoult
Beim Spiel USA gegen Australien wird ein Klischee schnell bestätigt: Im Wasserball wird tatsächlich oft geflunkert und gefoult. Nach nur gerade mal 12 Sekunden haben die beiden Schiedsrichter das «Spiel» bereits dreimal mit schrillen Pfiffen unterbrochen. Aber danach wird der Zuschauer reichlich belohnt: Im Wasserball gibt es viele Richtungswechsel, da wie im Handball in maximal 30 Sekunden ein Abschlussversuch gemacht werden muss. Dementsprechend fallen auch viele Tore, die Stimmung ist prächtig.
«Krakenarme»
Es ist faszinierend, wie sich die Spielerinnen bis zum Beinansatz aus dem Wasser hochschrauben, als stünden sie auf einem Schemel. Wild fuchtelnde Arme recken und strecken sich, wenn es gilt, einen Torschuss zu verhindern. Wenn ein Pass geflogen kommt, wird ein Arm ausgefahren – und «Schwupps» – klebt der Ball sicher in einer Hand, wie magnetisch angezogen.
Die Würfe sind scharf, werden angetäuscht und verlassen die Hand als Lob oder als perfide Aufsetzer, wobei der Ball die Wasseroberfläche kurz peitscht und dann unberechenbar in den Netzhimmel hinauf katapultiert wird. Die Torhüterin kann sich noch so aus dem Wasser schrauben, die Überwindung der Physik hat halt doch ihre Grenzen.
Das taktische Foul gehört zum Geschäft
Abseits des Ballgeschehens sind permanent Zweikämpfe im Gang. Es wird behindert, gehalten, am Badeanzug gezerrt oder die Gegnerin ganz einfach kurz unter Wasser gedrückt. Was darunter so alles abgeht, wollen wir gar nicht wissen. Jedenfalls wird oft gefoult, doch diese dauernden kleinen Behinderungen – die nicht mal mehr im Eishockey erlaubt wären – sind ein wichtiges taktisches Mittel, um Tore zu verhindern.
«Tünklä» auf hohem taktischem Niveau sozusagen. Das Motto lautet: «Tit for tat» – wie du mir, so ich dir. Und keine regt sich auf, das gehört offenbar zum Geschäft.
Respekt vor der Leistung
Wer schon einmal nur 2 Minuten lang Wasserball gespielt hat – nein, nicht die Ferienversion vom All-Inclusive-Klub in Tunesien, wo man im Wasserbecken bequem stehen kann – der weiss, wie enorm anstrengend das ist. Hier aber gibt es Spielerinnen, welche die 4x8 Minuten effektive Spielzeit praktisch durchspielen.
Höchste Zeit also, dass man auch solchen Sportarten Respekt entgegen bringt. Schön, dass diese wenigstens an Olympia auch im Schaufenster stehen. Punkto Bildqualität haben die TV-Macher die genau gleich hohen Ansprüche wie beim 100m-Lauf von Usain Bolt: Mit Superslowmotions, wie man sie in dieser Qualität und Dichte noch nie gesehen hat.


