London 2012
Seitenblick auf London
Das Rudern oder die Ruhe vor dem Sturm
In manchen Disziplinen ist der Start und das (emotionale) Drumherum vielleicht der bedeutendste Moment des ganzen Wettkampfs. Nach Jahren harten Trainings kann sich in der 1. Sekunde des Olympischen Wettkampfs schon (fast) alles entscheiden - wie etwa beim 100-m-Lauf in der Leichtathletik. Ganz anders ist es beim Rudern, wo vor dem Start eine fast beschauliche Atmosphäre herrscht.
Ein missratener Start beim Absprung vom Startblock beim Schwimmen oder ein zu später - oder manchmal auch zu früher Schritt wie bei Usain Bolt an der WM 2011 in Südkorea über 100 Meter - und schon ist alles vorbei. Entsprechend ist bei solchen Sportarten die Nervosität vor dem Start extrem spürbar. Hyperaktiven Rennpferdchen gleich brennen die Athleten darauf, dass es endlich los geht.
Beim Rudern hingegen ist von so einer elektrifizierenden Vorspannung nichts zu spüren. Vor dem Start geht es in Eton Dorney nämlich jeweils äusserst beschaulich zu und her.
Die Ruhe vor dem Sturm
10 Minuten vor der Nullzeit ist weit und breit noch kein Boot zu sichten. Die tummeln sich noch alle auf einem Nebenkanal beim Einfahren und machen kurze Schlagserien und einen letzten Rhythmus-Test. Völlig unberührt ob der Wichtigkeit kommender Ereignisse tuckern am Ufer ein paar Entchen vorbei. Auf dem Startponton stehen die TV-Kameras bereit, aber im Startgelände halten sich mehr Funktionäre und Volunteers als Zuschauer auf. Rein vom Atmosphärischen her hätte ein Ruderer also überhaupt keinen Grund, nervös zu werden. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm.
Start, Wind und Wellen
Beim Start dann die Explosion: Die Ruder werden durchgebogen, mit schnellen Schlägen wird sofort das Renntempo gesucht. Aber matchentscheidend ist der Start nicht. Eine viel grössere Rolle spielen andere Unwägbarkeiten, mit denen man auf den 2000 Metern konfrontiert wird: Wellen oder lästiger Seitenwind beispielsweise, der das Einhalten der Ideallinie erschwert. Das hat am Donnerstag der Schweizer Leichtgewichts-Vierer auf der ungünstigen Bahn 2 erfahren müssen.
Auf gleicher Höhe mit den Booten ziehen Velofahrer mit. Das sind nicht unbedingt alles Holländer - höchstens einer - denn die Betreuer der jeweils fahrenden Nationen wollen auf der Höhe des Geschehens sein.
Das Röhren der 26'000 Zuschauer
Von Beschaulichkeit ist jetzt nichts mehr zu spüren. Zu Tausenden säumen die Zuschauer das Ufer in mehrreihigen Spalieren und peitschen die Ruderer, die schon längst die Übersäuerung spüren, auf den letzten 500 Metern zu einem finalen Steigerungslauf. Die Einfahrt in den Tribünenbereich wird dann begleitet von einem wahren akkustischen Orkan. Aus den Kehlen von 26’000 Zuschauern dringt ein kollektives Röhren, das, falls englische Boote unterwegs sind, schon fast etwas Bedrohliches hat.
Nach der Zieldurchfahrt ebbt das aber schnell ab. Bald macht sich wieder Beschaulichkeit breit - und die Entchen haben wieder die ganze Wasserfläche zur Verfügung.


