London 2012
Leichtathletik
Liu Xiang und Olympia – Versöhnung möglich?
Der chinesische Hürdenläufer Liu Xiang hat ein gespaltenes Verhältnis zu Olympia. Das grösste Sportereignis der Welt brachte ihm bisher Triumph und Drama. In London will er sich nun mit den olympischen Göttern versöhnen.
Es war ein Drama, das keiner der grossen Regisseure besser hätte inszenieren können. Man schrieb das Jahr 2008, an den Olympischen Spielen in Peking war alles bereit, damit sich ein einheimischer Hürdenläufer unsterblich machen konnte: Liu Xiang, der chinesische Superstar sollte seine Goldmedaille aus Athen verteidigen und endgültig zum chinesischen Superhelden aufsteigen. Er, der vier Jahre zuvor als erster Chinese überhaupt Olympisches Gold in der Leichtathletik gewonnen hatte. Er, der seit vier Jahren den Weltrekord über die 110 Meter lange Hürdenstrecke hielt. Er, der ein Jahr zuvor auch noch Weltmeister geworden war.
Der Druck war fast übermenschlich gross, an diesem 18. August. Über 90‘000 Zuschauer im Pekinger Nationalstadion und mehrere hundert Millionen Chinesen vor den TV-Schirmen erwarteten von Liu Xiang nichts weniger als den totalen Triumph. Auf ihm lagen die Hoffnungen eines ganzen Volkes, er war auserkoren, der restlichen Welt einmal mehr die chinesische Überlegenheit aufzuzeigen.
Tränen statt Gold
Doch wie wir heute wissen, sollte es anders kommen. Liu Xiang konnte nicht einmal seinen Vorlauf absolvieren. Die rechte Achillessehne liess es einfach nicht zu, so sehr er es auch wollte. Immer wieder hatte sie ihm in den Jahren zuvor Probleme bereitet, ausgerechnet im wichtigsten Moment seiner Karriere stellte sie sich ihm erneut in den Weg. Statt Gold gab es Tränen – bei Liu Xiang, seinem Trainer, bei Tausenden von Zuschauern im Stadion und noch vielen mehr zu Hause. Der Traum war geplatzt, die einmalige Chance vertan.
Vier Jahre sind seither vergangen. Der inzwischen 29-jährige Xiang hatte also genügend Zeit, das Drama von Peking zu verdauen. Ob dennoch irgendwelche Spuren zurückgeblieben sind, weiss vielleicht nicht einmal er selber. Die Probleme mit der Achillessehne hat er auf jeden Fall hinter sich gelassen. In den letzten Jahren lief er nicht besonders häufig, aber wenn, dann immer in der Weltspitze. Anfang Jahr egalisierte er sogar den Weltrekord seines grossen Konkurrenten Dayron Robles, auch wenn die Zeit von 12,87 Sekunden wegen etwas zu viel Rückenwind keinen Eintrag in die Geschichtsbücher fand.
Was planen die Olympia-Götter?
Ein kleines Fragezeichen bleibt dennoch hinter der Verfassung von Liu Xiang. Bei der Olympia-Hauptprobe vor zwei Wochen in London gab er forfait. Eine reine Vorsichtsmassnahme sei dies gewesen, versuchte sein Team sofort zu beruhigen. Vorsicht ist sicher nicht der schlechteste Ratgeber für Liu Xiang, wenn man an sein Drama vor vier Jahren zurückdenkt.
Was hat London nun für ihn parat? Gibt es die grosse Versöhnung mit Olympia oder kehren sich die Olympischen Götter endgültig vom Chinesen ab? Bei Liu Xiang scheint alles möglich.


