London 2012
Allgemeines
Peter Balzli: «Extremes Sicherheitsdispositiv»
SRF-Korrespondent Peter Balzli lebt seit 5 Jahren im Osten Londons, wo ein Grossteil der olympischen Anlagen errichtet wurde. Im Interview äussert er sich zur Stimmungslage vor Ort und gibt Auskunft zu Sicherheit und Organisation der Olympischen Spiele.
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Wie würden Sie die Stimmung in der Stadt unmittelbar vor London 2012 beschreiben?
Gespannt und freudig. Es sind aber auch viele Kontroversen im Gang, wie stets vor solchen Spielen.
Pessimisten rechnen während Olympia mit kilometerlangen Staus. Sind solche Befürchtungen gerechtfertigt?
Das ist sicher gerechtfertigt. Am Flughafen Heathrow war es bereits chaotisch, und die Taxifahrer haben kürzlich eine Blockade der «Olympic Lane» organisiert. Diese Funktionärsspur wird für die anderen Verkehrsteilnehmer gesperrt sein, was den Verkehr sicher vielerorts zum Erliegen bringen. Bei geschätzten 6,4 Millionen olympischen Besuchern muss man kein Prophet sein, um Engpässe vorherzusehen.
Verschiedene Firmen haben ihren Angestellten gesagt, sie sollen die 14 Tage zu Hause arbeiten. In der U-Bahn meldet die Stimme des Stadtpräsidenten, man solle doch die U-Bahn nach Möglichkeit nicht benutzen. Dasselbe sagen auch Plakate. Das Thema ist wirklich in aller Munde.
Britannien hat rund um die Spiele die grösste Sicherheitsoperation seit dem Zweiten Weltkrieg in Gang gesetzt. Vertraut man in London den getroffenen Vorkehrungen?
Das Sicherheitsdispositiv ist extrem. Auf den Dächern von Wohnhäusern sind Boden-Luft-Raketen stationiert. So könnte man Terroristen abschiessen, bevor sie in ein Stadion fliegen. Aber Olympia ist natürlich ein attraktives Ziel für Terroristen.
Es gab soeben Medienberichte über Hinweise auf Angriffe iranischer Terroristen auf die israelische Delegation gebe. Daraufhin wurden angeblich zusätzliche Sicherheitsmassnahmen angeordnet.
Da der Bedarf an Sicherheitspersonal seitens der Organisatoren unterschätzt worden war, mussten kurzfristig mehrere Tausend Armeeangehöriger rekrutiert werden. Droht ein Chaos, oder werden die eilig aufgebotenen Helfer ihrer Aufgabe gewachsen sein?
Ich bin eigentlich sicher, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen sein werden. Es war vor allem eine Blamage für die Organisatoren und die betreffende Firma. Andererseits sagte man immer, es sollen «friendly games» werden, was natürlich schwierig umzusetzen ist mit 17‘000 Soldaten in Uniform. Viele von ihnen kommen direkt vom Kriegseinsatz aus Afghanistan. Gewiss gute Sicherheitsleute, aber nicht geschult im Umgang mit Touristen und Sportfans. Dort könnte es schon das eine oder andere Problem geben.
Die olympischen Stadien wurden absichtlich in Ostlondon errichtet, um die Infrastruktur dieses rückständigen Stadtteils zu verbessern. Werden die Olympischen Spiele den Standard des Quartiers wirklich nachhaltig verbessern?
Davon bin ich überzeugt. Das ist jetzt schon zu spüren. Die Verkehrsverbindungen sind viel besser geworden. Zudem wurde auf dem Olympiagelände das grösste Einkaufszentrum von London errichtet. Diese Arbeitsplätze bleiben erhalten. Im Medienzentrum will man Hightech-Firmen ansiedeln. Sollte das gelingen, wäre es ein Quantensprung. Auf einmal würden viele Gutverdienende herziehen und es gäbe einen besseren gesellschaftlichen Mix.
Sind die enormen Kosten der Spiele in der britischen Öffentlichkeit ein Thema?
Interessanterweise erstaunlich wenig. Die Kosten haben sich ja seit der Bewerbung fast genau vervierfacht auf mittlerweile rund 14 Milliarden Pfund. Die Engländer sagen sich aber vor allem: «Wenn wir das schon machen, müssen wir es richtig machen». Deshalb wird die Höhe der Kosten kaum kritisiert.
Welche Themen sind sonst noch präsent in den britischen Medien?
Es gab und gibt viel Kritik an den Sponsoren, forciert durch NGOs wie Amnesty International. Kritisiert wird etwa, dass McDonalds ein Hauptsponsor ist. So sieht man ungesundes Essen neben Spitzenathleten. Viel kritisiert wurde Dow Chemical, einer der Hauptsponsoren und Besitzer der Firma, welche für die Chemie-Katastrophe von Bhopal verantwortlich ist.
Zudem gab es noch nie derart massive Restriktionen bezüglich Marketing. Es werden 300 sogenannte Werbepolizisten tätig sein, die beispielsweise Leute mit T-Shirts unerwünschter Marken nicht ins Stadion lassen. Restaurants dürfen bei ihren Menus nicht einmal die Bezeichnungen Gold, Silber oder Bronze verwenden, sonst drohen 20‘000 Pfund Busse.
Zuletzt zum Wetter: Wer London sagt, denkt meist an Regen.
Im Moment ist es schön, aber für die Eröffnungszeremonie vom Freitag werden bereits wieder Niederschläge prognostiziert. Wenn es wirklich sehr feucht werden sollte, bekommen diese Spiele ein Problem. Ich denke beispielsweise ans Tennisturnier, aber auch viele andere Sportarten. Die Wetterfrage ist wichtig und wird darüber entscheiden, ob es gute oder schlechte Spiele werden.
(Interview: Ralf Hälg)


