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London 2012

Jelena Isinbajewa – Comeback zum 3. Olympiagold?

Olivier Borer
Montag, 23. Juli 2012, 9:21 Uhr

Sie springt hoch, höher als alle anderen. Dann fällt sie in ein tiefes Loch. Jelena Isinbajewa kennt die Extreme von Sieg und Niederlage, von Genugtuung und Demütigung wohl wie keine zweite Athletin. Für die Olympischen Spiele von London hofft sie nun, Form und Selbstvertrauen wieder zu finden.

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Ihren ersten Weltrekord springt Jelena Isinbajewa 2003, gerade einmal 21-jährig. Es ist dies der Beginn einer Dominanz, wie sie in der Leichtathletik selten zu sehen ist. Sie gewinnt fortan alles: zweimal Olympiagold, mehrere WM- und EM-Titel. Sie ist die einzige Frau, die die Fünf- Meter-Marke knackt und stellt Weltrekord um Weltrekord auf. Sie entrückt ihren Gegnerinnen, kämpft nur gegen die Latte. Das ist ihr Ansporn.

Vom Kunstturnen zum Stabhochsprung

Immer wieder betont die 30-Jährige, wie wichtig ihre Vergangenheit als Turnerin gewesen sei. Sie wächst in einer engen Wohnung im russischen Wolgograd auf. Ihre Mutter träumt von einer glanzvollen Sportkarriere ihrer zwei Töchter. Seit Jelena Isinbajewa fünf Jahre alt ist, turnt sie zusammen mit ihrer Schwester in der lokalen Sportschule. Doch dann schiesst sie dermassen in die Höhe, dass sie fürs Turnen zu gross wird. Sie wechselt zum Stabhochsprung und weint bittere Tränen. Ihr Trainer aber tröstet sie: Sie werde dereinst so gut sein wie Sergej Bubka. Sie fragt unwissend: «Wer ist sie?»

Rekordjagd um Zentimeter

Die Weissagung des Trainers bewahrheitet sich. Und Isinbajewa lässt sich ihren Erfolg vergolden, denn die Russin ist eine clevere Geschäftsfrau. Im Stile ihres Idols Sergej Bubka schraubt sie ihre Weltrekorde jeweils zentimeterweise in die Höhe. So kassiert sie einträgliche Prämien. Ein lukratives Geschäft: Experten trauen ihr Sprünge über 5,20 Meter zu. Noch lukrativer ist der Vertrag, den sie 2009 mit dem grössten chinesischen Sportartikelhersteller abschliesst. Er soll ihr 7,5 Millionen Dollar einbringen.

2009: Sportlicher Wendepunkt

Finanziell hat sie ausgesorgt, sportlich muss sie eine herbe Enttäuschung einstecken. An der WM in Berlin produziert sie einen «salto nullo»; sie bleibt ohne gültigen Versuch und verliert den Nimbus der Unbesiegbaren. Sie sagt rückblickend: «Rekorde waren für mich nur noch tägliche Arbeit.»  Der Absturz von Berlin habe sie in dieser Hinsicht verändert. «Jetzt weiss ich wieder, dass auch ich für Siege kämpfen muss.» Gross ist die Erlösung, als sie zwei Wochen nach der Blamage an Weltklasse Zürich einen Weltrekord aufstellt.

Doch im März 2010 schafft sie es als Vierte der Hallen-WM von Doha erneut nicht aufs Podest. Sie macht eine Pause und will auf die WM in Daegu 2011 wieder angreifen. Sie spürt das Wettkampffeuer wieder in sich lodern. Es kommt aber alles noch schlimmer:  Sie wird in Daegu nur Sechste. Zum dritten Mal in Serie bleibt sie an einem Grossanlass ohne Edelmetall.

Isinbajewas Out an der WM 2011 in Daegu.

 

Sie scheitert an sich selber

Dies ist eine Grenzerfahrung - mental und körperlich. Das jahrelange Schinden hinterlässt Spuren. Die Knie, der Rücken, die Achillessehne und die Schultern plagen sie. Ein Weltrekord gilt als das Grösste, was ein Athlet erreichen kann. Weltrekorde am Fliessband dagegen werden zum Fluch. «Egal, wo ich starte: Alle gehen davon aus, dass ich einen Rekord aufstelle. Aber das geht nicht. Ab fünf Metern ist jeder weitere Zentimeter, als wäre er ein Meter.» Der Druck, die Beste zu sein, die Angst, sich zu blamieren macht sie müde. Wieder zieht sie sich zurück.

Befreiung mit viertem Hallen-WM-Titel

Die letzte Pause zeigt Wirkung. Am Meeting von Stockholm im Frühling erringt sie ihren 27. Weltrekord. Zwei Wochen danach krönt sie ihr Comeback in Istanbul mit der Goldmedaille an der Hallenweltmeisterschaft. Das ist der erste grosse Titel seit Olympia 2008. Sie ist zurück, wo sie sich am wohlsten fühlt: als Siegerin auf der Wettkampfbühne. «Ich möchte eine Legende werden», sagt sie. Ihre nächsten grossen Ziele: die dritte olympische Goldmedaille in London sowie ein Sieg an der WM 2013 in ihrer Heimat. Präsident Wladimir Putin selbst soll sie darum gebeten haben, zumindest bis dann zu springen.

 

Isinbajewas Weltrekord in Zürich 2009