Rad
Tour de France
Montgomery: «Froome ist sehr loyal»
Am Mittwoch steht die «Königsetappe» der 99. Tour de France über 4 Pässe auf dem Programm. Für Sven Montgomery ist klar: «Wenn in den nächsten 2 Tagen nichts geschieht, ist die Tour entschieden». Im Interview erklärt der SF-Co-Kommentator, wieso Chris Froome Bradley Wiggins nicht angreifen wird und was an der «Reissnägel-Attacke» positiv war.
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Sven Montgomery, ist die Tour de France 2012 ein bisschen langweilig?
Sven Montgomery: Das muss ich leider bejahen. Viel Spektakuläres ist bislang nicht passiert - ausser bei der Etappe mit den gestreuten Reissnägel. Als ehemaliger Radprofi kann ich solche Aktionen natürlich auf keinen Fall befürworten, aber da kam immerhin für einmal ein wenig Action und Drama auf.
Morgen steht die «Königsetappe» über die Pässe Aubisque, Tourmalet, Aspin und Peyresourde an. Hat Bradley Wiggins genug starke Beine, um das «Maillot jaune» auf diesen harten 197 Kilometern zu verteidigen?
Auf jeden Fall. Zudem scheint ja sein eigentlich schärfster Konkurrent, Teamkollege Chris Froome, die Helfer-Rolle zu akzeptieren.
Froome hatte vergangenen Donnerstag auf der bergigen 11. Etappe den stärkeren Eindruck hinterlassen als Wiggins. Halten Sie es für möglich, dass das Sky-Team die Strategie ändert und Froome am Mittwoch ziehen lässt, falls er besser über die Pässe kommt?
Nein, nein, nein. Absolut nicht. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass das Sky-Team Froome mitschickt, sollte ein anderer Konkurrent davonziehen und Wiggins nicht folgen könnte. Froome käme dann die Rolle des «Aufpassers» zu. Zudem hätte man mit ihm ein zweites Ass im Ärmel, sollte Wiggins einbrechen. Wenn Froome wirklich auf eigene Ambitionen fahren möchte, dann hätte er letzten Donnerstag nach La Toussuire hinauf den Funk nicht gehört, als ihn sein Team zurückgepfiffen hat (lacht). Aber Froome ist sehr loyal.
Gibt es überhaupt jemanden im Peloton, der Wiggins auf dem Weg nach Paris noch gefährlich werden könnte?
Da kommen mir nur Vincenzo Nibali oder Jurgen Van den Broeck in den Sinn. Auch Pierre Rolland könnte noch einmal etwas wagen, obwohl seine achteinhalb Minuten Rückstand nicht gross hoffen lassen. Vielleicht wird das Team RadioShack aktiv und schickt einen ihrer starken Bergfahrer wie zum Beispiel Andreas Klöden in eine frühe Fluchtgruppe. Wenn aber noch etwas passieren soll, dann muss es in den nächsten zwei Tagen geschehen. Sonst ist die Tour entschieden.
Als Titelverteidiger müsste Cadel Evans am Mittwoch oder spätestens am Donnerstag angreifen, was jedoch nicht seinem Naturell entspricht. Wird der Australier über seinen Schatten springen und den Totalangriff wagen?
Davon gehe ich aus, denn er hat es angekündigt. Evans versuchte es schon in den Alpen oder auf dem Weg nach Cap d'Agde, jedoch ohne Erfolg. Die anderen Fahrer konnten ihm jeweils mit Leichtigkeit folgen. Er scheint aus irgendwelchen Gründen nicht topfit zu sein. Möglich, dass er erkältet ist oder sonst Probleme hat, die nicht bekannt sind. Es könnte gar sein, dass er in der Gesamtwertung noch weiter an Terrain verliert.
Am Samstag steht noch ein Zeitfahren über 53,3 Kilometer auf dem Programm. Darf man hoffen, dass wenigstens dort noch Spannung aufkommt?
Spannung betreffend Etappensieg schon. Auswirkungen auf das Gesamtklassement erwarte ich aber nicht. Ich halte es jedoch für möglich, dass Froome Wiggins im Zeitfahren noch einmal ein paar Sekunden abnimmt. Denn im zweiten Zeitfahren der Tour ist entscheidend, wer noch am meisten Kraftreserven besitzt. Da könnte Froome einen Vorteil haben.
Wie sehr hat Sie die bisherige Leistung von Bradley Wiggins eigentlich überrascht?
Ich bin wenig überrascht. Für mich gehörte Wiggins von Anfang an zu den grossen Favoriten. Er hat sein Potenzial in diesem Jahr klar angedeutet.
Wiggins könnte als erster Engländer die Tour gewinnen. Überhaupt sind es die Briten mit Wiggins, Froome, Millar oder Cavendish, welche der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt den Stempel aufdrücken. Woher kommt diese plötzliche Dominanz einer Nation, die bislang auf der Strasse keine grossen Stricke zerreissen konnte?
Die Briten haben im Hinblick auf die Olympischen Spiele unglaublich viel in den Radsport investiert. Auf der Bahn gehörte Grossbritannien schon immer zur Weltspitze, nun hat man begonnen, auch die Strassen-Profis mit viel Geld und Ausbildungszentren zu fördern. Zudem verfügt das Sky-Team über das grösste Budget aller Mannschaften an der Tour.
TV-Hinweis
«SF zwei» überträgt die «Königsetappe» der Tour de France von Pau nach Bagnères-de-Luchon (197 km) am Mittwoch bereits ab 13.35 Uhr live. Das Rennen können Sie auch im Livestream mitverfolgen.
(Interview: Vincent Bongard)


