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UEFA EURO 2012™

EURO 2012

Die Offensive im Fokus, die Stürmer im Abseits?

Donnerstag, 7. Juni 2012, 17:32 Uhr

Der weltweite Fussball hat in den letzten Jahren einen erfreulichen Trend gezeigt. Gute Techniker, schnelles und offensives Spiel sind Trumpf. Setzt sich dieser Trend auch an der EURO 2012 in Polen und der Ukraine fort? Und was sind die Konsequenzen daraus?

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Man braucht kein grosser Prophet zu sein, um kurz vor dem Start der EURO 2012 vorauszusagen, dass der kommende Europameister im mittlerweile schon fast weltweit etablierten 4-2-3-1-System gespielt haben wird. Zwei Innenverteidiger, zwei Aussenverteidiger mit Offensiv-Drang, zwei Abräumer mit strategischen Fähigkeiten, ein wieselflinker Spielgestalter umrahmt von einer Flügelzange sowie ein einsamer Stürmer mit spielerischen Qualitäten – so wird heute gekickt, wenn man Erfolg haben und das Publikum begeistern will. So hat Spanien die letzten beiden grossen Turniere gewonnen, so wollen es nun auch Deutschland, die Niederlande, Frankreich oder Italien tun.

Dieses System – und seine leicht abgeänderten Variationen – haben in den letzten Jahren zu einer erfreulichen Offensiv-Tendenz geführt. Rigoroser Defensiv-Fussball mit der Hoffnung auf einen «Lucky Punch» lohnt sich auf höchster Ebene kaum noch, denn das 4-2-3-1 ist auch gegen hinten kompakt. Dank schneller, aggressiver Ballrückeroberung wird die Konter-Gefahr jeweils umgehend unterbunden.

Der Stürmer - eine aussterbende Spezies

Die Verlierer des aktuellen Systems «en vogue» sind ausgerechnet die Stürmer. Nur noch ein Angreifer steht heute pro Team zu Spielbeginn auf dem Matchblatt. Der Rest sitzt auf der Bank und hofft auf eine Sternstunde als Joker. Bereits bei den Aufgeboten ist der (quantitative) Bedeutungsverlust des Stürmers zu spüren. Deutschlands Joachim Löw etwa nimmt mit Mario Gomez und Miroslav Klose ganze zwei Stürmer mit an die EURO. Dank einer schier unerschöpflichen Reserve an talentierten Mittelfeldspielern von Thomas Müller über Lukas Podolski bis zu Mesut Özil ist trotzdem mit der offensivsten DFB-Elf aller Zeiten zu rechnen.

Rainer Maria Salzgebers EURO-Prognose

«Von der EM erwarte ich Spiele auf höchstem taktischem Niveau, verbunden mit der Hoffnung, dass sich der Trend der letzten Jahre weiter entwickeln wird: will heissen, dass die Mannschaften mit spielerischen Mitteln den Erfolg suchen. So wie es die spanische Nationalmannschaft und auch Barcelona in den letzten Jahren immer wieder gezeigt haben. Auch die Holländer und selbst die Deutschen gehören ja mittlerweile in diese Kategorie. Allerdings habe ich meine Bedenken, ob dies wirklich der Fall sein wird. Die grossen Stars haben viele Spiele in den Beinen und hatten für die EURO-Vorbereitung nur wenig Zeit zur Verfügung. Gut möglich, dass sie nach einer langen und anstrengenden Saison nicht mehr genug Kraft haben, um Spiele auf höchsten Niveau zu absolvieren. Aber die Hoffnung auf Spektakel bleibt trotzdem bestehen.»

Nicht mehr gefragt im Sturm ist heutzutage zudem der reine Knipser, der klassische Strafraumstürmer. Benötigt wird ein spielstarker Mann, der sich auch zurückfallen lässt, Relais-Station spielt und mit den offensiven Mittelfeldspielern Doppelpass-Pingpong spielt. Bei Deutschland heisst das wahrscheinlich: Klose spielt, Gomez schaut zu. Bei den Niederlanden steht Robin van Persie beim Anpfiff auf dem Feld, Klaas-Jan Huntelaar sitzt auf der Bank. Forderungen nach einem Zweimann-Sturm wurden von den beiden Trainern im EURO-Vorfeld resolut zurückgewiesen. Die Konsequenz: Am Ende ist ein Mittelfeldspieler Torschützenkönig – wie Thomas Müller an der WM 2010.

Wie steht es um die Fitness?

Taktische Ideen sind eine Sache, wichtig wird bei der EURO 2012 auch die Fitness der Spieler nach einer langen, anstrengenden Saison sein. Einige Stars wie Spaniens David Villa und Carles Puyol oder Englands Frank Lampard sind wegen Verletzungen gar nicht dabei. Um andere Schlüsselspieler wie Deutschlands Bastian Schweinsteiger, Tschechiens Tomas Rosicky oder Hollands Wesley Sneijder gab und gibt es gesundheitliche Fragezeichen. Wenn alles schief läuft, dann kann es herauskommen wie bei England an der WM 2010. Die Vorschusslorbeeren verpufften rasch im südafrikanischen Winter.

Matthias Hüppis EURO-Prognose

«Ich erwarte keine Fussballrevolution sondern eine Weiterentwicklung des technischen, temporeichen Kombinationsfussballs à la Spanien, Holland oder Deutschland. Nicht alle Mannschaften verfügen über die dafür notwendigen und talentierten Spieler; nicht alle werden von einem Trainer betreut, der diesen Stil auch pflegt und fördert. Deshalb ist meine Erwartung eigentlich auch eine grosse Hoffnung: Die Hoffnung, dass sich am Ende jene Mannschaften durchsetzen, die dem Publikum etwas bieten und die Herzen der Fans gewinnen. Dazu gehört neben Technik und Talent auch eine grosse Portion Leidenschaft!»

Defensive nur noch Notlösung

Was könnte das Fussball-Fest zwischen Danzig und Donezk sonst noch verderben? Ein neuer Siegeszug Griechenlands etwa, das auch acht Jahre nach dem Triumph von Lissabon weitgehend unverändert an seinem veralteten System festhält, würde alle Prognosen wieder einmal über den Haufen werfen. Zum Abschied vom «schönen» Fussball sind aber auch andere fähig. Die Niederlande etwa wussten sich im WM-Final vor zwei Jahren nur mit eisenhartem Beton gegen das spielerisch übermächtige Spanien zu wehren. Sie hätten das Spiel damit auch gewinnen können. Zum Glück für den Fussball taten sie es nicht.

Rainer Maria Salzgeber und Matthias Hüppi führen während der EURO 2012 durch die Live-Sendungen.

(ac)