UEFA EURO 2012™
Ukraine
Das EURO-Abenteuer Ukraine
In knapp zwei Monaten ist Anspiel zur EURO 2012. SRF-Korrespondent Peter Gysling ist durch die Ukraine gereist und hat die Stimmung im Land eingefangen. Er erklärt, worauf sich die Besucher freuen dürfen und mit welchen Problemen sie rechnen müssen.
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Momentan bewegen innenpolitische Themen die Menschen in der Ukraine weit mehr als die bevorstehende Europameisterschaft. «Jeden Abend versammelt sich eine Menschenmenge, um Julia Timoschenko mit Hilfe von Megaphonen Mut zuzurufen», beschreibt Radio-Korrespondent Peter Gysling die Szenen, welche sich derzeit in Charkiw abspielen.
Der Umstand, dass die medizinische Versorgung der an Rückenschmerzen leidenden und inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin unmittelbar vor der EURO verbessert werden soll, zeugt dennoch von der Bedeutung des Sportanlasses für die Ukraine. Die junge Nation steht im internationalen Rampenlicht wie selten zuvor.
Noch kein Fussballfieber
Erst kurz vor Turnierbeginn dürfte sich der Inhalt der Gespräche der Leute auf der Strasse vermehrt weg von der Haftanstalt in der Nähe von Charkiw hin zum Stadion bewegen, wo am 8. Juni mit Holland – Dänemark der erste EM-Match auf ukrainischem Terrain ausgetragen wird.
«Momentan ist die EURO nur im Umfeld der Stadien und in den Medien richtig präsent», erklärt Gysling. Die Stadien sind fertig und spielbereit. «Darum herum sieht das etwas anders aus», so Gysling. Die Infrastruktur in der Ukraine kann der Grösse des Anlasses kaum gerecht werden, auch wenn sie in den letzten Monaten ausgebaut wurde.
Fehlende Wegweiser und knappe Betten
Fussballfans, die in die Ukraine reisen, müssen sich darauf einstellen, dass bereits das Erlangen von Informationen zum Zugfahrplan kein einfaches Unterfangen ist, erklärt Gysling. «Und auf den Strassen ist es selbst im Umfeld der Hauptstadt Kiew für einen Ortsunkundigen schwierig, sich zurecht zu finden», fährt der Korrespondent fort. Es würden schlichtweg Wegweiser fehlen. Auf die EURO hin sei nun in den wichtigsten Ortschaften die kyrillische Beschilderung sogar mit lateinischer Beschriftung ergänzt worden.
Zu den infrastrukturellen Mängeln im öffentlichen Bereich gesellt sich eine Knappheit bei Hotel-Betten, wobei hier der Entscheid verschiedener Nationalteams, ihr Quartier in Polen zu beziehen, für eine gewisse Entlastung gesorgt hat. Im Nachbarland, das im Gegensatz zur Ukraine EU-Mitglied ist, ist die Infrastruktur auf einem deutlich höheren Niveau.
Spontaneität ist gefragt
Ein grosses Problem stellen allerdings Wucher-Preise dar, mit welchen gewisse Hoteliers während der EURO aufwarten. «Die kann ein durchschnittlicher Fussballfan nicht bezahlen», erklärt Gysling. Das Problem ist so drängend, dass nun selbst Präsident Viktor Janukowitsch an die Hoteliers appelliert hat, die Preise zu senken. «Es gibt aber auch Privatpersonen, welche während der EURO beispielsweise in Bahnhofsnähe Zimmer anbieten werden. Da wird dann Spontaneität gefragt sein», meint Gysling.
Auch auf behördlicher Stufe gibt es für die Ukraine noch Verbesserungspotenzial. «Gegenwärtig wartet man beim Grenzübertritt gut und gerne vier, fünf Stunden», weiss Gysling zu berichten. «Das muss vor und während der EURO natürlich speditiver von statten gehen.»
Ukrainer freuen sich auf Besucher
Gewiss ist aber, dass, wer in die Ukraine reist, dafür mit Eindrücken reich belohnt wird. «Die Leute freuen sich darauf, dass die Fussballfans ihr Land bereisen. Man hofft, dass die Ukraine Europa symbolisch ein Stück näher rückt», sagt Gysling. Nicht nur wegen der Gastfreundschaft und der Fussballspiele lohne sich eine Reise in der Ukraine, ist Gysling überzeugt. Die Spielorte Kiew und Lemberg warten mit malerischen Altstädten und Sehenswürdigkeiten auf, in Charkiw laden wunderbare Parkanlagen die Reisenden zum Verweilen ein. Und Donezk trumpft mit dem modernsten Stadion des Landes auf.
Gross ist die Vorfreude auf die Besucher bei Restaurant-Besitzern und Geschäftsinhabern. Sie erwarten von der Europameisterschaft ein gutes Sommergeschäft. Ansonsten geben sich die Leute keinen Illusionen einer nachhaltigen Wirkung der EURO hin. «Die Leute betrachten viele der Investitionen, die jetzt wegen der Europameisterschaft gemacht wurden, als für diesen Anlass sinnvoll. Doch sie glauben nicht, dass sie später noch davon profitieren werden», so Gysling.
Hoffen auf einigende Wirkung
Hingegen hoffen viele Ukrainer, dass sich die Europameisterschaft besonders bei einem Erfolg des ukrainischen Nationalteams positiv auf das Zusammengehörigkeitsgefühl des Landes auswirken wird. «Ähnlich wie in der Schweiz vom ‚Röstigraben‘ spricht man in der Ukraine von Differenzen zwischen dem eher an Europa orientierten westlichen Teil der Ukraine und dem Osten, welcher sich eher an Russland ausrichtet. Diesen Graben soll ein sportlicher Erfolg ein Stück weit zuschütten», erklärt Gysling.
(gaf)


