Fussball
Fussball in Ägypten
Al-Ahly: Ultras in den Wirren der Revolution
Die blutigen Krawalle beim Spiel zwischen Al-Ahly und Al-Masri am 1. Februar in Port Said haben die Fussball-Welt erschüttert und in Ägypten eine neue Welle von Gewalt ausgelöst. In Port Said mittendrin standen die Ultras des Kairoer Klubs Al-Ahly, die bereits während der ägyptischen Revolution im Frühling 2011 in Erscheinung getreten waren.
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Die Stadion-Katastrophe von Port Said mit über 70 Toten und mehr als 1000 Verletzten hat die ägyptische «Ultra»-Bewegung in den Fokus gerückt, die in dem Land verhältnismässig jung ist. Die Ultra-Sektion von Al-Ahly etwa, dem erfolgreichsten Klub des Landes, wurde erst vor 5 Jahren gegründet. Trotzdem gehören die Ultras laut Einschätzungen des Nahost-Kenners James M. Dorsey bereits zu den einflussreichsten Gruppen Ägyptens. Gerade auch neben dem Fussballplatz.
10'000 Neumitglieder in 5 Jahren
Bei der Gründung der «Ultras Alawhy» 2007 fanden sich gerade mal 15 Personen ein, erzählt ein Mitbegründer der Gruppierung der «sportlounge». Innerhalb von nur 5 Jahren ist die Mitgliederzahl auf über 10‘000 gestiegen. Dorsey, Journalist und Kenner des Fussballs im Nahen Osten, schätzt, dass sich in ganz Ägypten rund 30‘000 Personen einer Ultra-Gruppierung angeschlossen haben.
«Viele von ihnen sind junge, unzufriedene, schlecht ausgebildete, oftmals arbeitslose Menschen», sagt Dorsey. Diese Gruppen sind vor allem für den derzeit regierenden Militärrat in Ägypten eine Bedrohung.
Gewalterfahren und widerspenstig
Einen Namen gemacht haben sich die Ultras bereits während der ägyptischen Revolution vor einem Jahr. Die Gruppierungen, durch regelmässige Gewalt rund um Fussballspiele in Ägypten abgebrüht, leisteten den Sicherheitskräften auf dem Tahrir-Platz in Kairo erbitterten Widerstand. Damit waren die Ultras Vorbild für breite Schichten der Bevölkerung und mitverantwortlich für den Sturz von Präsident Hosni Mubarak.
Ultras
«Ultras» sind zumeist junge, besonders fanatische Anhänger von Fussball- und anderen Sportclubs. Ihre Vereinstreue drücken sie während den Spielen mit Fangesängen, Transparenten, einstudierten Choreographien sowie dem Abbrennen von pyrotechnischem Material aus. Wegen letzterem sind sie in den letzten Jahren unter Druck von Klubführungen, Sicherheitskräften und Verbänden geraten. In ihrer ursprünglichen Form grenzen sie sich deutlich von «Hooligans» ab und lehnen Gewalt ab. Die Ultra-Bewegung entstand vermutlich in den 1950er-Jahren in Italien. Ähnliche Bewegungen gab es aber auch in Südamerika und in Balkan-Ländern.
Einst verfeindet, in der Revolution vereint
Diesem Ziel ordneten die Ultras vieles unter: So kam es auf den Strassen Kairos gar zum Zusammenschluss von Ultras der rivalisierenden Kairoer Vereine Al-Zamalek und Al-Ahly. Zwischen diesen Vereinen liegen ideologische Welten: Wurde Al-Ahly 1907 von Leuten gegründet, die sich gegen die britische Kolonialmacht aussprachen, gehörten bei Stadtrivale Al-Zamalek 1911 vor allem Briten zu den Taufpaten.
«Das Bemerkenswerteste im letzten Jahr war, dass sich die Ultras der beiden Clubs zusammengetan haben, weil sie gemeinsam etwas noch mehr hassten: das Regime und die Sicherheitskräfte», sagt Dorsey.
Neue Ausgangslage seit der Fussballtragödie
Die erfolgreiche Revolution vor Jahresfrist war vorerst auch das Ende des Schulterschlusses zwischen den Ultras. Ihr Ansehen nahm in der ägyptischen Bevölkerung ab. Die Tragödie von Port Said könnte daran wieder etwas ändern, glaubt Dorsey: «Die Polizeikräfte dachten, wenn man die Schuld den Ultras gibt, wird dadurch deren Ansehen bei der Bevölkerung verringert. Doch genau das Gegenteil ist passiert.»
Fokus auf das Drama
In den Tagen nach den Vorfällen von Port Said forderten Demonstranten den Abtritt des regierenden Militärrats. Die gewaltsamen Proteste sind laut James M. Dorsey aber nicht im Interesse der Ultra-Gruppierungen. Diese versuchten nun, die Ereignisse in Port Said zu fokussieren: Einerseits um die Aufarbeitung der Tragödie zu ermöglichen, andererseits soll wohl auch der Ruf der Ultras in der Bevölkerung nicht weiter geschädigt werden.
James M. Dorsey
Der 60-Jährige war in den 1970er- und 80er-Jahren Korrespondent im Nahen Osten und berichtet unter anderem für das Wall Street Journal und die Nachrichtenagentur UPI aus dem Iran, Irak, Israel und Libanon. Aktuell lehrt Dorsey an der Nanyang Technological University in Singapur und betreibt den Blog «The Turbulent World of Middle East Soccer».
(Mario Gehrer)
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