Inhalt

Federer Special

Tennisjahr 2010

Federer: Perfekter Start, perfekter Abschluss

von Stefan Bürer
Montag, 29. November 2010, 8:59 Uhr

Frühes Out in Paris und Wimbledon - was sich im Sommer zu einem enttäuschenden Jahr für Roger Federer zu entwickeln schien, wurde im Herbst ein richtig guter Jahrgang.

Videoplayer
Das Jahr von Roger Federer

Mehr zum Thema

Artikel bewerten

  • Durchschnittliche Bewertung: 4
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Artikel teilen

Perfekt. Der Jahresabschluss war wie der Jahresbeginn. Eben: Perfekt. Federer gewann die Australian Open und gab auf seinem Weg zum Titel gerade mal zwei Sätze ab. Bei den World Tour Finals holte er am Sonntag ebenfalls die Krone und verlor dabei einen einzigen Satz. Und noch etwas verbindet die beiden Turniere: bei beiden spielte der Baselbieter sein bestes Tennis.

Fatale Lungen-Entzündung

Anfang und Ende der Tennissaison waren also perfekt. Dazwischen wars ein Auf und Ab. Mit der Topform im Gepäck reiste Federer anfangs Februar aus Melbourne ab, flog für seine Foundation nach Äthiopien und fing sich dort eine Lungenentzündung ein. Erst Mitte März griff er wieder ins Turniergeschehen ein, die Topform war weg und damit auch ein grosser Teil des Selbstvertrauens, das in engen Matches fast immer der entscheidende Faktor ist.

Kein Titel auf Sand

Die Niederlagen in Indian Wells und Miami (gegen Baghdatis und Berdych, beide nach vergebenen Matchbällen) sind so erklärbar. Der Wechsel auf Sand half Federer diesmal nicht, auf der «terre battue» blieb er 2010 ohne Titel. Und als es endlich auf den geliebten Rasen ging, behinderte ihn eine leichte Beinverletzung. In Halle verlor er völlig überraschend den Final gegen Lleyton Hewitt, in Wimbledon hätte er bereits nach der ersten Runde gegen Alejandro Falla draussen sein müssen, zeigte sich da aber als Entfesselungskünstler, bevor er im Viertelfinal gegen Tomas Berdych klar unterlegen war.

Aufschwung in Übersee

Erst nach der Verpflichtung des erfahrenen Coachs Paul Annacone und der Abkehr von der im Frühjahr etwas zu passiven Spielweise kam die Form langsam zurück. Nach dem Sieg in Cincinnati rechnete sich der Schweizer für die US Open einiges aus. Trotz zwei Matchbällen verlor er aber ein seltsames Halbfinale gegen Novak Djokovic. Die Niederlage ging trotzdem in Ordnung, denn der Serbe war übers gesamte Match gesehen der bessere Spieler gewesen. Die Niederlage schmerzte zwar, doch Roger Federer wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.

Die Daviscup-Affäre

Was folgte, waren heftige Reaktionen auf seine Absage für den Daviscup. Weniger das «Njet» von Federer als das Timing der Absage führte zu verständlichem Frust im Team, im Verband und auch ausserhalb. Anzumerken ist dazu, dass es wahrscheinlich keinen anderen Tennisprofi gibt, der ein derart gutes Gespür für die Signale seines Körpers hat. Wenn Federer glaubt, seine Knochen, Muskeln und Sehnen im Sinne einer langfristigen Planung schonen zu müssen, liegt er fast immer richtig.

Der «Goldene Herbst»

So wars auch diesmal. Nach dem vielkritisierten Nein zum Daviscup folgte das, was als «goldener Herbst» in die Geschichte eingehen wird. Vor dem Wiedereingreifen ins Tuniergeschehen in Schanghai erklärte Federer, in diesem Jahr noch «ein paar Turniere» gewinnen zu wollen. Es sollte eines mehr als nur «ein paar» werden. Von fünf Turnieren, die er bestritt, gewann er drei. Matchbilanz: 22:2. Das spricht Bände.

Unter dem Strich bleiben: ein Grand Slam Titel, der fünfte Masters-Triumph und drei weitere Turniersiege. Wer von einem schlechten Federer-Jahr spricht, misst ihn an jenen Saisons, in denen er drei von vier Slams gewinnen konnte (2004, 2006, 2007). Das ist nach wie vor das Problem, wenn Aussenstehende, aber auch Experten am Jahresende Bilanz ziehen: dass er an den Standards gemessen wird, die er gesetzt hat.

Fazit: Ein gutes Federer-Jahr

Er selber sieht das weit weniger eng. Für ihn war auch 2010 ein guter Jahrgang. Und mit dem furiosen Finale in London hat er wieder einmal gezeigt, dass es mehr als verfrüht ist, Abgesänge einzuleiten. Dass er bei der Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres trotzdem chancenlos sein wird, weiss er. Und glauben sie mir: er kann das gut verkraften.

Bild Stefan Bürer ist Tennis- und Eishockey-Kommentator bei SF.
Stefan Bürer ist Tennis- und Eishockey-Kommentator bei SF. SF