Leichtathletik
EM
Das Phänomen Röthlin
Viktor Röthlins Teilnahme am EM-Marathon ist ein medizinisches Wunder, schreibt SF-Leichtathletik-Kommentator Peter Minder in seinem Beitrag - und lüftet das lange gehütete Geheimnis, warum Röthlin bei Hitze-Rennen der Konkurrenz einen Schritt voraus ist.
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Am Sonntag, dem 1. August wird morgens um 10.05 das Feld der Marathonläufer auf den Stadtrundkurs mit vier 10-km-Runden in Barcelona geschickt. Eine Strecke im Herzen der katalanischen Hauptstadt mit zwei Spitzkehren, Passagen durch die berühmtesten Strassen und Plätze mit Start und Ziel unten in der Stadt, gleich ausserhalb des beliebten «Parc de la Ciutadella». Eine komplett andere Streckenführung also, als 1992 bei den Olympischen Spielen, als der Marathon in Mataró begann und ins Olympiastadion führte.
Dass Viktor Röthlin mitläuft, grenzt an ein medizinisches Wunder! Nach seinen beiden Lungenembolien und nach seiner Fersenoperation ist er sehr zuversichtlich für den Stadtmarathon, den er wie immer minutiös rekognosziert hat. Natürlich stapelt er (noch) tief und würde sich über einen Platz in den Top 8 freuen.
Mit Verlaub, wenn Röthlin am Sonntag an den Start geht, ist er Mitfavorit. Nicht mehr und nicht weniger! An der EM in Göteborg 2006 gewann er die Silbermedaille und an der WM in Osaka die Bronzemedaille. Wenn er hier antritt, dann IST Röthlin in Topform. Sonst wäre er nicht angereist. Viele hatten ihn abgeschrieben, und ehrlich, ich war selber auch sehr skeptisch, ob er es noch einmal schaffen würde.
Gen-Defekt verursachte Lungenembolien
Doch tatsächlich hat Viktor Röthlin bis auf winzige 0,04 % seine volle und intakte Lungenfähigkeit wiedererlangt und kennt heute auch den Grund für seine Lungenembolien: einen Gen-Defekt, den er bis zum Ausbruch in Kenia weder gekannt noch gespürt hatte. Und so muss Viktor Röthlin in seinem weiteren Leben behutsam mit seinem Blutbild umgehen und wird auch nach dem Marathon von Barcelona noch 6 Tage lang mit Blutverdünner leben müssen. Und das als Marathonläufer, bei dem die Muskelschäden nach einem harten Wettkampf ohnehin beträchtlich sind.
Die akribische Vorbereitung
Aber Viktor Röthlin besitzt eine Gabe, die ihn für die Beobachter, aber auch für sein Team einzigartig macht: Er ist ausserordentlich akribisch und holt aus seinen Ressourcen ein Optimum heraus. Das reicht von seinem Körper über das Material, Training, Lebenswandel (seine Ehefrau Renate ist Ärztin) bis zur mentalen Vorbereitung. Das erinnert alles stark an Markus Ryffel, der auch immer ein Vorbild an Effizienz und Organisation war.
Der Trick mit den Kältepaketen
Dass Viktor Röthlin permanent einen Schritt weiter und auch sehr innovativ denkt, zeigt folgendes Beispiel: Damit die für einen Läufer wichtige Körperkerntemperatur vor und bis kurz nach dem Start möglichst lange tief bleibt, hatte sich Röthlin schon beim olympischen Hitzemarathon von Peking sogenannte EMCools Kältepakete 30 Minuten vor dem Start auf Brust und Rücken unters Dress geklebt. EMCools steht für Emergency Cooling System und stammt aus der Medizin. Sechs dieser Pakete, die wie Eiswürfelpakete aus dem Tiefkühlschrank aussehen, verwendet er und wirft sie nach ca. 5 Kilometern des Marathons weg.
Geheimnis gelüftet
Damit kann er länger als andere mit einer kühleren und damit optimaleren Körperkerntemperatur ins Rennen einsteigen. Schon vor zwei Jahren wusste er, dass er dieses Prozedere beim Hitzemarathon von Barcelona am Sonntag ebenfalls verwenden würde und versteckte seine Entdeckung geschickt vor den Mitkonkurrenten - bis heute. Lausbübisch grinsend meinte er heute, dass er das Geheimnis nun ruhig lüften könne, denn Barcelona sei sein letzter Hitzemarathon…
In Göteborg «kickte» Röthlin schon nach 5 Kilometern und zeigte ein äusserst engagiertes, ja fast aggressives Rennen, das ihm die Silbermedaille hinter dem Italiener Baldini brachte. Hier in Barcelona erwartet er einen infolge der Hitze verhaltenen Beginn mit animiertem Schlussteil, wo er hofft, noch seine Chancen zu finden. Wer’s glaubt….
Peter Minder ist SF-Leichtathletik-Kommentator. Den Marathon können Sie am Sonntag live auf «SF zwei» und im Livestream auf sport.sf.tv m itverfolgen.
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