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Mario Rottaris: «Schweiz ist der Weltspitze kleinen Schritt näher gekommen»

Freitag, 21. Mai 2010, 16:36 Uhr

Die Eishockey Nati begeisterte an der WM in Deutschland, sie enttäuschte aber auch. SF-Experte Mario Rottaris zieht im Interview seine persönliche Bilanz und freut sich auf die Zukunft.

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Mario Rottaris, vor der WM galt eine Viertelfinal-Qualifikation als Erfolg. Sehen Sie das immer noch so?
Mario Rottaris: Nein, das sehe ich nicht mehr so. Und auch die Spieler nicht. Die Enttäuschung ist riesig. Wenn man im Viertelfinal auf Deutschland trifft, ist klar: Diese Team muss man bezwingen. Mit dem Essen steigt der Appetit. Aufgrund der starken Leistungen zu Beginn des Turniers haben alle mehr erwartet. Wenn es am Ende dann «nur» für den Viertelfinal reicht, ist das natürlich eine Enttäuschung.

Im Laufe des Turniers erlebte die Schweiz einen «Bruch». Nach der Niederlage gegen Norwegen lief offensiv wie defensiv wenig wie zuvor. Wie ist das zu erklären?
Ich glaube, dass wir als Aussenstehende wie auch die Mannschaft sehr überrascht davon waren, wie gut es in den ersten Partien lief. Die Produktivität, das Zusammenspiel, die Kombinationen, die läuferische Leistung, da war ein enorm guter Rhythmus drin. Alles hat einfach geklappt. Aber Sportler sind nie zufrieden, jeder Sportler will eine gute Leistung toppen. Das war aus meiner Sicht der Grund für diesen «Knick». Durch den Eifer, noch besser zu spielen, vergass man, welche einfachen Dinge man bis dahin richtig erledigt hatte. Eishockey ist nicht eine unendlich komplizierte Sportart. Wenn man die «Basics» richtig macht und zu 100 Prozent ausführt, entwickelt sich der Rest von selbst. Die Basics hat man verloren.

Wurde die Schweiz also Opfer des eigenen Erfolges?
Man könnte das fast so sagen, ja.

Da liegt noch mehr Potenzial in der Schweiz.

Sean Simpson erhielt für die WM viele Absagen. Spricht die Konkurrenzfähigkeit dieses WM-Teams auch für die Breite im Schweizer Eishockey?
Absolut. Es war auch überhaupt kein «B-Team», das hier angetreten ist. Die Spieler im Kader haben alle das Niveau, um international bestehen zu können. Die ganz grossen Leaderfiguren, welche im Welteishockey Geschichte schreiben können, die waren nicht dabei. Aber der Ausbildungsstand der Spieler und ihr taktisches Verständnis ist A-klassig. Der ganze Entwicklungsprozess, den Simpson mit dem Team vollziehen will, ist noch bei weitem nicht fertig. Und der neue Coach hat noch eine grössere Breite an Spielern zur Verfügung als wir sie hier gesehen haben. Da liegt noch mehr Potenzial in der Schweiz.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Sean Simpson? Waren Sie überrascht, wie klar er der Schweiz nach so kurzer Arbeit schon seinen Stempel aufdrückte?
Nein, das hat mich überhaupt nicht überrascht. Simpson ist ein absoluter Top-Profi, ein Kanadier, der Hockey nicht nur spielt und coacht, sondern mitlebt. Nach der langen Ära Krueger brauchte es für eine Veränderung gar nicht so viel. Ein anderer Wind, ein anderer Tonfall, eine andere Stimme in der Garderobe, und die Spieler hören automatisch viel aufmerksamer zu und nehmen neue Ideen auf.

Ihr Schlussfazit: Ist das Schweizer Eishockey der Weltspitze in Deutschland nun näher gekommen oder nicht?
Die Schweiz ist der Weltspitze einen kleinen Schritt näher gekommen. Die Mannschaft schaffte nicht nur einen Exploit, sondern dominierte die Gruppe über vier Spiele. Die Phase des Erfolgs gegen mehr als nur eine grosse Mannschaft und nicht nur an einem Abend, das bleibt als positive Erinnerung. Darum war die WM ein Schritt nach vorne, selbst wenn das Resultat - das Out im Viertelfinal - dasselbe ist wie in den vergangenen Jahren.

(gaf)