Eishockey
NLA
«Bern hat alles richtig gemacht»
Der Grat zwischen Triumph und Niederlage sei extrem schmal, schreibt SF-Kommentator Stefan Bürer in seiner Finalbilanz. Für Bern ist die Rechnung aufgegangen, ob beim SCB alles richtig gemacht wurde oder nicht, hing aber von einem einzigen Spiel ab.
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Kleines Gedankenspiel: stellen Sie sich vor, der SC Bern wäre am Samstagabend nicht Meister geworden. Sondern hätte die 3:1-Führung in der Finalserie tatsächlich noch vergeigt. Durchaus denkbar. Hätte Servette das frühe Powerplay zum 2:0 genutzt, wer weiss, ob Bern nochmals zurückgekommen wäre. In diesem Fall wären die Verantwortlichen an den Pranger gestellt worden. Geheissen hätte es dann:
Huras? Wie konnten sie nur! Vigier? Der war doch schon in Genf kein Reisser! Gamache? Weichei! Bührer? Hat seine besten Zeiten längst hinter sich! Roche? Eine stete Gefahr, vor allem fürs eigene Tor! McLean? Wer zum Teufel ist McLean? Reichert? Nicht playoff-tauglich! Die Jungen? Letztlich halt doch nur Mitläufer!
Der Grat ist extrem schmal
Das sagt nun keiner. Jetzt heisst es: sensationell! Sven Leuenberger hat genau die richtigen Leute verpflichtet! Huras? Ein Glücksfall, passt perfekt zum SCB! Vigier? Hat mit seinem Elan die anderen zusätzlich angestachelt! McLean? Seine Tore waren Gold wert! Die Jungen? Schossen im richtigen Moment die wichtigen Tore. Und so weiter.
Was ich damit sagen will? Der Grat zwischen Triumph und Niederlage, zwischen Held und Versager ist extrem schmal. Dem Management in Bern ist das bewusst, grade nach den mageren letzten Jahren. Und deshalb werden sie in Bern jetzt zwar feiern, aber sie wissen auch, dass bereits in wenigen Monaten alles wieder ganz anders sein kann.
Genf sorgte für mehr
Vorderhand aber sollen sie den Erfolg unbelastet von solchen Gedankenspielen geniessen. Bern ist Meister, und es ist der richtige, der verdiente Meister. Zwar sorgte Servette in dieser Finalserie für: mehr Spektakel, mehr Emotionen, mehr Schlagzeilen.
Wer war beispielsweise in den Playoffs der fleissigste Sammler von Skorerpunkten? Thomas Déruns. Wer erzielte im Final den spektakulärsten Treffer, der auf Schweizer Eis je zu sehen war? Wieder Déruns. Wer schoss die meisten Tore in dieser Finalserie? Nochmals Déruns. Wer war der beste Torschütze in den gesamten Playoffs? Tony Salmelainen. Wer entschied den spektakulärsten aller Boxkämpfe für sich? Daniel Vukovic. Und welcher Coach legte sich am meisten mit den Schiedsrichtern an? Chris McSorley.
Eine Mannschaft auf einer Mission
Am Ende aber hatten die Genfer: nichts. Leere Hände. Um den Hals eine Silbermedaille, die im Moment der Übergabe jeder am liebsten in den Bärengraben geschmissen hätte. Genf war gescheitert. Nicht an sich selber, sondern an einem richtig grossen Gegner.
Bern war in diesen Playoffs eine Mannschaft auf einer Mission. 12 Siege bis zum Titel. Zu stoppen war sie durch nichts und niemanden. Der SCB siegte auf jede erdenkliche Art und Weise: mal knapp, mal deutlich, mal überlegen, mal etwas glücklich. Spielten die Gegner hart, spielte Bern härter. Versuchte es jemand mit spielerischen und läuferischen Mitteln, hatten die Bären eine Antwort. Ein Rückstand kurz vor Schluss? Kein Problem, kein Grund, nervös zu werden. Was auch immer Lugano, Kloten und am Ende auch Genf versuchten: Bern hatte die passende Antwort.
Die letzte und grösste Herausforderung
Trafen die Arrivierten nicht, trafen halt die Jungen. Skorten die Ausländer nicht, sprangen die Schweizer ein. Versagte der erste Sturm, richtete es der dritte. Es gab keine Herausforderung, auf die Bern keine Antwort gehabt hätte: Auf die bis zu jenem Zeitpunkt einzige Playoff-Niederlage, ein 4:5 im zweiten Finalspiel, reagierte der SCB mit einer Gala, die vor Heimpublikum nach 35 Minuten bereits entschieden war. Und als Servette die Serie am Donnerstag auf 3:3 ausgeglichen hatte, bestand der SCB auch die letzte und gleichzeitig grösste Herausforderung.
Bern ist Meister. Und hat damit alles richtig gemacht.
Stefan Bürer ist Eishockey-Kommentator von SF.
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