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WM-History

WM 1966: Die Krönung für das Mutterland

Donnerstag, 1. April 2010, 14:17 Uhr

Die WM 1966 in England wird für immer mit dem legendären Wembley-Tor verbunden sein, das den Final zwischen dem Gastgeber und Deutschland entschied und den Engländern den ersten WM-Titel einbrachte. Doch das Turnier hatte mehr zu bieten, als das umstrittenste Tor der Fussball-Geschichte.

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WM 1966: Der Final England - Deutschland

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Mit einem 4:2 nach Verlängerung gewann England den Final gegen Deutschland im ausverkauften Wembley-Stadion. Für das «Mutterland» des Fussballs war es der erste (und bislang einzige) WM-Titel der Geschichte. Trainer Alf Ramseys Team wurde seiner Favoritenrolle gerecht und hielt dem Erwartungsdruck vor eigenem Publikum stand.

Dem WM-Titel Englands haftete im Nachhinein allerdings ein kleiner Makel an. England konnte sich in der deutlich schwächsten Vorrunden-Gruppe gegen Frankreich, Uruguay und Mexiko durchsetzen. Zudem wurden alle Spiele der Einheimischen im Wembley ausgetragen, wo das begeisterte Publikum das Team nach vorne peitschte.

Das vieldiskutierte Wembley-Tor

Eng verbunden mit dem Finalsieg Englands ist das «Wembley-Tor». ln der 101. Spielminute schoss Geoffrey Hurst auf das deutsche Tor, der Ball knallte von der Latte auf den Rasen. Hurst jubelte, doch die Situation war alles andere als klar. Tor oder kein Tor? Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst befragte seinen Linienrichter, den Aserbaidschaner Tofik Abramow, der ein Tor gesehen haben will: 3:2 für England.

Der WM-Titel der Gastgeber war eingeleitet, in der 120. Minute machte Hurst mit seinem dritten Treffer definitiv alles klar. Noch heute ist aber nicht sicher, ob der Ball beim 3:2 wirklich hinter der Linie war. In Deutschland denkt man eher Nein, in England eher Ja. Klar ist nur, dass es bis heute das umstrittenste Tor der Fussball-Geschichte ist.

Bild Englands Captain Bobby Moore mit dem WM-Pokal.
Englands Captain Bobby Moore mit dem WM-Pokal. keystone

Top-Spiel England - Portugal

Der spätere Weltmeister England und die Portugiesen trafen im Halbfinal aufeinander. Und Bobby Charlton sollte seine überragende Form beweisen können. Charlton traf bis kurz vor Schluss für die überzeugenden Engländer zweimal. Vom 2:0 waren einige portugiesische Spieler so beeindruckt, dass sie dem Schützen sogar per Handschlag gratulierten. Die Partie schien entschieden.

Doch danach erwachte Portugal noch. Eusebio erzielte den Anschlusstreffer. Für die Wende war es aber zu spät. Die Portugiesen gewannen später immerhin noch das Spiel um Platz 3 (2:1 gegen die UdSSR).

Südamerikaner mit trister Darbietung

lm «Duell der Kontinente» zog Südamerika gegen Europa deutlich den Kürzeren. Schlimmer noch: Südamerikas Fussball war auf dem Tiefpunkt. Der mit einem angeschlagenen Pelé angetretene WM-Favorit Brasilien und Chile strauchelten bereits in der Vorrunde.

Argentinien scheiterte im Viertelfinal an England, wobei die «Gauchos» mehr durch Unsportlichkeiten als durch Fussball von sich reden machten. Ähnliche Sitten bewies Uruguay. Als die «Urus» im Viertelfinal gegen Deutschland ausschieden, wurde nicht nur arg gefoult, sondern auch gespuckt und geohrfeigt.

Italien verliert gegen Nordkorea

Asien-Vertreter Nordkorea war der Nobody der WM. Doch der Aussenseiterrolle wurden die Koreaner nur zum Auftakt gegen die Sowjetunion (0:3) gerecht. Gegen Chile erreichten die Fussballer aus dem totalitären Staat ein überraschendes 1:1, ehe dann gegen das grosse ltalien die ganz grosse Sensation gelang.

Der Fussball-Zwerg fügte dem zweifachen Weltmeister mit dem 1:0 die grösste Blamage in der Geschichte der «Squadra Azzurra» zu, die Italiener wurden bei der Rückkehr in die Heimat mit Tomaten bombardiert.

Der Höhenflug der Nordkoreaner wurde erst im Viertelfinal gegen Portugal gestoppt. Nordkorea führte zwar mit 3:0, brach dann aber ein und ging noch mit 3:5 unter.

Portugals Eusebio bester Torschütze

Einer der ganz Grossen der Fussball-Geschichte sicherte sich in England die Krone des Top-Torjägers: Eusebio. Der aus Mosambik stammende Portugiese war mit seinen neun Toren der Star des Turniers. Der Deutsche Helmut Haller brachte es als Zweitbester nur auf fünf Treffer.

Bild Portugals Eusebio - der WM-Topskorer.
Portugals Eusebio - der WM-Topskorer. keystone

Eusebio war aber auch Publikumsliebling. Als Portugal gegen die Gastgeber ausschied, wurde er vom englischen Publikum mit Beifall verabschiedet. Mit Tränen in den Augen, enttäuscht und gerührt zugleich, ging Eusebio vom Rasen. Später sicherte er Portugal die Bronzemedaille.

Skandalspiel England - Argentinien

ln der Viertelfinal-Partie gegen England sah der Argentinier Rattin die rote Karte. Damit kam das «Skandal-Spiel» ins Rollen: Der Sünder weigerte sich zunächst, das Spielfeld zu verlassen. Nach dem Schlusspfiff kam es zu tumultartigen Szenen. Einige argentinische Spieler traten gegen den Team-Bus der Engländer, im Gesicht eines FIFA-Offiziellen landete eine Orange und für den Schiedsrichter war Polizeischutz nötig...

Folgen gab es auch abseits des Rasens: Es kam zu Verstimmungen in den englisch-argentinischen Beziehungen.

Schweizer Nati ohne Punkte

Die siebte WM-Qualifikation der Schweiz war eine angenehme Überraschung. Denn die Quali-Gruppe der Schweizer war mit Nordirland und den Niederlanden stark bestückt. Das WM-Turnier verlief aber weniger erfolgreich.

Gleich zum Auftakt kassierte die Schweiz eine 0:5-Kanterniederlage gegen Deutschland. lm zweiten Gruppenspiel lief es für die Schweiz etwas besser, das 1:2 gegen Spanien brachte aber auch keine Punkte, die Viertelfinals waren bereits in weite Ferne gerückt. Das Scheitern war nach dem 0:2 gegen Argentinien dann definitiv; die Schweiz schied punktelos aus.

Die Nacht von Sheffield

In Erinnerung blieb die WM 1966 in England in der Schweiz vor allem dank der ominösen «Nacht von Sheffield»: Der damalige Nationalspieler Köbi Kuhn gewährte sich gemeinsam mit zwei Teamkollegen ein abendliches Bier. Kurz nach dem Zapfenstreich kehrte das Trio – offenbar begleitet von jungen Damen – ins Hotel zurück. Nationalcoach Alfredo Foni suspendierte Kuhn danach für das Spiel gegen Deutschland.

In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» schilderte Ex-Nati-Trainer Köbi Kuhn seine Sicht der Dinge: «Wir haben das Eröffnungsspiel geschaut, England gegen Uruguay, dann gab es ein Nachtessen und dann wurde ein Spaziergang verordnet. Ich hatte dann, aus Jux, die grossartige Idee, den Daumen zu heben, Autostopp. Es hält ein kleiner Mini mit zwei jungen Frauen, wir haben uns zu dritt hinten reingesetzt und sind in der Stadt herumgefahren. Natürlich sind wir zu spät eingerückt. Der Trainer hatte sich auf eine Materialkiste vor unser Zimmer gesetzt und gewartet - wenn ich das vor mir sehe! Ein Schildbürgerstreich», so Kuhn über 40 Jahre nach dem Vorfall.

(Pascal Mathis/ac)