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Demokratie nach den Regeln des Pharaos
Der 32. Kongress des Handball-Weltverbands IHF fand in Kairo statt - ein Heimspiel für den Präsidenten Hassan Moustafa. Kein Wunder, dass der umstrittene Moustafa deutlich im Amt bestätigt wurde. Er entschied den Machtkampf mit seinem grössten Kritiker, dem Schweizer Peter Mühlematter, für sich.
Beitrag im «sportpanorama»
Im «sportpanorama» vom 7. Juni 2009 haben wir die Geschehnisse am Kongress in Kairo zusammengefasst.
Kongress im Nobelhotel
Die Medienpräsenz am IHF-Kongress war nicht gerade überwältigend. Zwar wollten zahlreiche einheimische Journalisten «ihren» Präsidenten feiern (ein ägyptischer Fernsehsender übertrug den Wahltag live), doch sonst gab es nur eine Handvoll deutschsprachiger Journalisten, darunter SF als einziger europäischer Fernsehsender. Ein Grund dafür dürfte in der weiten Entfernung Ägyptens liegen.
Dabei hätte der Kongress dieses Jahr gar nicht im Land der Pharaonen stattfinden sollen. Am letzten Kongress 2004, der auch schon in Ägypten stattgefunden hatte (in Hurghada), wurde Slowenien als nächster Gastgeber bestimmt. Den Slowenen war die Durchführung des Kongresses jedoch zu teuer. Ägypten übernahm, nachdem Moustafa versprochen hatte, der Kongress werde das Land nicht einen Piaster kosten.
Der Kongress fand in einem der nobelsten Hotels Ägyptens statt, ausserhalb von Kairo im Vorort Heliopolis. Umgeben von einem Golfplatz, wirkt das Hotel wie eine grüne Oase inmitten der Wüste. Den Delegierten der 159 Landesverbände (147 waren am Kongress dabei) sollte es in der Heimat des Pharao an nichts fehlen.
Im März sickerte ein Schreiben von Moustafa zu den Medien durch. Darin bat der Präsident den IHF-Rat, den Delegierten aus «less gifted» (weniger reichen) Ländern die Reise an den Kongress finanzieren zu dürfen. Wieviele Länder davon profitieren sollten und wieviel Geld die IHF dafür zur Verfügung stellte, weiss niemand ausser Moustafa und seinem bisherigen Schatzmeister, dem Spanier Miguel Roca (in Kairo zum Vizepräsidenten aufgestiegen). Die Ratsmitglieder hätten innert einer Woche ablehnend antworten müssen; keine Antwort wurde als Zustimmung aufgefasst. Nach Moustafas Verständnis ist das ein Ratsbeschluss.
Interviews mit Kaiser und Moustafa zum Verdacht auf «Stimmenkauf»
Moustafas Gegenkandidat ums Präsidentenamt, der Luxemburger Jean Kaiser, kritisiert die Art und Weise sowie den Zeitpunkt für solche «Entwicklungshilfe». Moustafa selbst wehrt sich gegen den Verdacht des Stimmenkaufs vehement.
Kandidaten dürfen sich nicht vorstellen
Dem Gegenkandidaten Kaiser stösst zudem sauer auf, dass er und die anderen Kandidaten (für diverse Ämter) sich beim Kongress nicht vorstellen dürfen – wie es eigentlich Usus ist. Präsident Moustafa macht dafür Zeitmangel verantwortlich.
Kaiser erklärt seine Kandidatur
Jean Kaiser hat sich erst im März zur Kandidatur entschieden. In einem Interview vor Beginn des Kongresses erklärt er SF, wie es dazu kam und was er an der derzeitigen IHF-Führung alles kritisiert.
Mühlematter verteidigt sich
Während seines Präsidentenberichts greift Moustafa Generalsekretär Mühlematter an, weil dieser mit seiner Kritik am Verband und ihm selbst die Öffentlichkeit gesucht hat. Mühlematter bekommt die Gelegenheit, sich vor dem Plenum zu verteidigen. Er spricht dabei auch den (in Kairo zurückgetretenen) Schweizer Revisor Jürg Steib an, der bei der Überprüfung der IHF-Finanzen keine Unregelmässigkeiten feststellen konnte.
Mikrophon plötzlich tot
Anschliessend beruft sich Moustafa auf eine Ratssitzung während der WM in Zagreb (Januar 2009), bei der Mühlematter zum Rücktritt aufgefordert wurde, was dieser jedoch ablehnte. Nun will Moustafa von den Delegierten spontan ein Votum über den Generalsekretär. Das entspricht aber nicht den Statuten, wie sie im Schweizer Vereinsrecht festgehalten sind. Dieses gilt, weil die IHF ihren Sitz in Basel hat. Darum versucht der Schweizer Verbandspräsident Ulrich Rubeli, die Abstimmung zu verhindern – vergeblich, weil sein Mikrofon nicht funktioniert. Dasselbe Problem mit dem Mikrofon hat übrigens auch Moustafas Gegenkandidat Jean Kaiser.
Abstimmung ungültig
Nach einer Kaffeepause und einer Aussprache mit Moustafa darf Rubeli dem Plenum doch noch mitteilen, dass die letzte Abstimmung (in der über 100 Delegierte für den sofortigen Rücktritt Mühlematters gestimmt haben) ungültig war, was denn auch der Schweizer Anwalt des IHF bestätigt.
Wahlsystem geändert
Der Ablauf gerät noch mehr aus geordneten Bahnen, als Moustafa vorschlägt, ein elektronisches Wahlsystem einzuführen. Die Schweizer und die Luxemburger Delegation wehren sich, denn sie sind der Meinung, dass auch dies gegen die Statuten verstossen würde. Es ist ein juristischer Grenzfall. Als der luxemburgische Verbandspräsident zum zweiten Mal interveniert, fährt Moustafa dazwischen: «Woher kommen Sie nochmal?» «Aus Luxemburg», sagt der Mann und will fortfahren, doch Moustafa erwidert: «Danke, das wollte ich nur hören.» Ein Beispiel, wie Moustafa seine Gegner diskreditiert. Denn eine knappe Stunde später beginnen die Wahlen (sie werden dann tatsächlich elektronisch durchgeführt), und dass Moustafas Gegenkandidat Jean Kaiser Luxemburger ist, hilft ihm jetzt sicher nicht.
Unter dem Jubel der Einheimischen sowie (vor allem) der afrikanischen Delegierten wird Moustafa mit 115:25 Stimmen gegen Kaiser im Amt bestätigt. Ähnlich wie Kaiser ergeht es Peter Mühlematter, der 28 Stimmen erhält und seinen Platz auf dem Podium sofort räumt. Das Amt des Generalsekretärs übernimmt neu Joel Delplanque.
Interview mit Mühlematter nach der Abwahl
Mühlematter, der 21 Jahre in Diensten der IHF tätig war, geht in Kairo auf Distanz zu den Medien und will auch SF vorerst kein Interview geben, denn er möchte dem Vorwurf des Nestbeschmutzers, der sich an die Medien gewandt hat, nicht neue Nahrung liefern. Nach seiner Abwahl stellt er sich dann aber einem Interview und spricht u.a. über seine langjährige Arbeitsbeziehung zu Moustafa.
Wohin geht es mit dem Handball?
Mühlematter, Jean Kaiser und Ulrich Rubeli sind sich in ihrem Urteil einig: Unter der jetzigen Führung ist die Zukunft des Handballs nicht gesichert.
(Matthias Krobath)
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