Peking 2008
Perfektionist auf 42,195 km
Er ist eine der grossen Schweizer Medaillenhoffnungen in Peking. Und er bereitet sich mit gewohnter Perfektion auf den grossen Tag vor. Trotzdem fühlt sich Marathonläufer Viktor Röthlin nicht unter Druck.
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Die Zeit des «Pläuschelns» ist endgültig vorbei. Im Juni nahm sich Viktor Röthlin noch Zeit für die Fussball-EM, für einen öffentlichen Auftritt im Zoo und für eine Veranstaltung, bei der es darum ging, Kinder für das Laufen zu motivieren.
Doch dann ging es ins Höhentraining, erst im Engadin, bis Ende Juli im Südtirol. Auf der Seiser Alm trainiert der letztjährige WM-Dritte von Osaka mit einem kenianischen Läuferteam, unter ihnen Peking-Teilnehmer Robert Cheruiyot, der vierfache Sieger des Boston-Marathons.
Training mit der Konkurrenz? Für den 33-Jährigen sind die Kenianer mehr als Laufkollegen. Seit mehreren Jahren trainiert der Obwaldner in Kenia; nach den Unruhen in Kenia Anfang Jahr war er über die Entwicklung im ostafrikanischen Land tief betroffen.
Im Südtirol fühlt sich Röthlin «zurück in Kenia, sozusagen». Denn die Stimmung ist kenianisch, es gibt afrikanisches Essen und Röthlin wird vom Lauftempo der Weltelite so gefordert wie dies im einsamen Training in der Schweiz nicht möglich wäre.
Ganz in die Karten blicken lässt sich Röthlin natürlich nicht. Gemäss dem Schweizer Olympia-Chefarzt Beat Villiger erhält der Marathonläufer im Hinblick auf die schwierigen Bedingungen in Peking ein Spezialprogramm, über dessen Details sich Villiger aber ausschweigt.
Klar ist: Die Vorbereitung auf den 24. August läuft in Röthlin'scher Perfektion. «Der Fahrplan stimmt», ist einer seiner Lieblingssätze. Und jeder Auftritt passt in diesen «Fahrplan».
Mit dem Start am Halbmarathon Mitte Juni in Sapporo (9. Rang) übte der Innerschweizer nochmals die «Zeitverschiebung in Richtung Osten». In der Schlussphase des Rennens brachte er seinen typischen Steigerungslauf an.
Auch im Südtirol simuliert Röthlin «Peking»: Von der Seiser Alm fährt er ins Tal hinab, um sich beim Training entlang der Brenner-Autobahn an Luftverschmutzung, Hitze und Feuchtigkeit zu gewöhnen.
Natürlich baut Röthlin auch auf die neuesten technischen Entwicklungen. Für den Olympialauf erhält er von seinem Ausrüster drei Paar Schuhe (für drei verschiedene Wettersituationen), deren Gummisohlen speziell auf die Pekinger Strecke abgestimmt sind.
Um den in Peking veränderten Essgewohnheiten entgegenzuwirken, testete Röthlin Darmstabilisatoren. Und wegen der Luftverschmutzung nimmt er bis zum Rennen eine schleimlösende Substanz ein. Mithilfe der Wissenschaft will er den «genetischen Nachteil, den wir gegenüber den afrikanischen Läufern haben», ausgleichen.
Ausdauersport und Wissenschaft - bei dieser Kombination ist der Dopingvorwurf nicht weit. Röthlin hat sich immer vehement gegen Doping ausgesprochen. Es klingt glaubwürdig, wenn er sagt: «Ich bin sauber.» Gleichzeitig verschliesst er sich der Problematik nicht: «Das Misstrauen (der Öffentlichkeit) haben wir durch unser Verhalten selbst auf uns gezogen.»
Aus dieser Perspektive hat das Training auf der Seiser Alm einen Schönheitsfehler: Mit von der Partie ist die italienischen Sportärzte-Familie Rosa, die seit Jahren erfolgreich Marathonläufer betreut, aber auch schon mit Doping in Verbindung gebracht wurde. Mit seiner medizinischen Betreuung habe Rosa aber «nichts zu tun», betont Röthlin.
Obwohl «Vik» ständig auf eine mögliche Olympia-Medaille angesprochen wird - besonderen Druck verspürt er nicht: Seit der WM-Bronzemedaille und seinem Sieg am Tokio-Marathon diesen Februar «stehen mir schon alle Türen offen. Wenn ich nichts gewinne, ändert sich nichts.»
Für den Obwaldner ist es in Peking die dritte Olympiachance. Kurz nach seinem Wechsel von den langen Bahn- auf die Marathonstrecke trat er in Sydney an und belegte den 36. Platz. An Athen 2004 hat er schlechte Erinnerungen. Trotz einer Verletzung trat er an - und scheiterte. Nach einem Ausrutscher kamen die Leistenschmerzen wieder, bei Kilometer 32 gab er auf.
Er habe aus den Fehlern von 2004 gelernt, sagt Röthlin. Heuer werde er «viel Geduld» benötigen. Seine Vorteile sieht er in der Erfahrung und der mentalen Stärke. Er könne sich zwingen, seinen Körper über das normale Mass hinaus «auszupressen».
Vielleicht ist es die letzte Olympiachance. Seine Karriere auf Topniveau werde noch maximal vier Jahre dauern, meint Viktor Röthlin. Der Scheideweg ist nach der EM 2010 zu erwarten. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 wäre er 37 - alt, aber noch nicht zu alt für einen Marathonläufer. (boe)
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