Tennis
Die Krönung der Sand-Dominatoren
Die Sand-Dominatoren der Saison 2005 setzten sich in Roland Garros die Krone auf: Rafael Nadal gewann den Männer-Final gegen Mariano Puerta in vier Sätzen; Justine Henin-Hardenne brauchte nur 62 Minuten, um Mary Pierce 6:1, 6:1 abzufertigen.
Beide Triumphe waren logisch: Nadal und Henin-Hardenne waren aufgrund der bisherigen Sandsaison als klare Favoriten angereist und rechtfertigten diese Ausnahmestellung: Beide haben nun 24 Sand- Partien hintereinander gewonnen.
Grossartiger Männer-Final
Dass nach dem Männer-Final Zinédine Zidane die Trophäen überreichte, war passend: Rafael Nadal und Mariano Puerta boten den 15 171 Zuschauern während 3:24 Stunden jenes Spektakel, das man eigentlich am Freitag in der Partie Nadal gegen Roger Federer erwartet hatte und streichelten den Ball phasenweise so wie dies der Baumeister der französischen WM- und EM-Titel 1998 und 2000 jeweils im Mittelfeld zu tun pflegt. Und der erste Linkshänder- Final in Paris in der Open Era verlief wesentlich ausgeglichener als erwartet und hatte eigentlich nur ein Manko: Dass er nicht erst im fünften Satz entschieden wurde.
Grossen Anteil daran hatte der krasse Aussenseiter Puerta, der das Spiel mehrheitlich mit seiner Vorhand diktierte, aber auch durch Winkelspiel und viel Ballgefühl überzeugte: Nachdem er sich bei 1:3 und 15:40 wegen Oberschenkelproblemen behandeln lassen musste, gewann er den Satz nach einem stratosphärischen Tiebreak. Und als Nadal die nächsten beiden Sätze dank grösserer Solidität 6:3, 6:1 für sich entschieden hatte, steckte der 26-jährige nicht auf und erspielte sich bei 5:4 und eigenem Aufschlag drei Satzbälle zum Ausgleich. Leider, aus Sicht aller Tennisfans, konnte er diese nicht verwerten und als er wenig später eine Vorhand ins Out setzte, liess sich der Mallorquiner jubelnd auf den Sand des Grals der Sandspieler fallen, ehe er zu seiner Gratulationstour ansetzte, die ihn zu König Juan Carlos und seiner Familie führte. «Ein Traum ist wahr geworden», so Nadal im Siegerinterview.
Nadals Defensivkunst
Nadal ist eigentlich dafür bekannt, dass er mehrheitlich das Spiel mit knallharten Grundschlägen dominiert. Das Endspiel gewann er aber in erster Linie, weil er sich enorm gut verteidigte und so Puerta immer wieder zwang, noch höhere Risiken zu nehmen, die dann oft zu Fehlern führten. Zudem gräbt der Spanier dank behender Fussarbeit und grossartiger Antizipation mittlerweile auch in den entferntesten Winkeln des Courts noch «unmögliche» Bälle aus, die er dann oft noch zum direkten Punktgewinn verwertet.
Überragende Bilanz
Der erste linkshändige Major-Sieger seit Goran Ivanisevic (Kro) ist gleichzeitig der erste Mann in 23 Jahren und nach Mats Wilander, der Paris gleich bei seinem Debüt gewann. Sein Erfolg kam aber alles andere als überraschend: Mit Titeln in Costa do Sauipe, Acapulco, Monte Carlo, Barcelona und Rom hatte er seine Anwartschaft angemeldet, jetzt hat er punkto Titeln zu Federer aufgeschlossen, hat aber in diesem Jahr zwei Matches mehr gewonnen. Von 67 Sätzen auf Sand hat er 58 gewonnen, einzig Igor Andrejew und Gaston Gaudio vermochten ihn zu bezwingen.
Nadal schliesst auf
Im Champions Race, der Jahreswertung, schliesst Nadal zu Federer auf, der Schweizer bleibt aber die Nummer 1, weil er bei den Pflichtturnieren (Majors und Masters Series) mehr Punkte erspielt hat. Im Entry System ist Nadal neu vor Andy Roddick (USA) und Marat Safin (Russ) Dritter. Federer muss aber noch keine Angst um seine Vormachtstellung haben: Sein Vorsprung beträgt umgerechnet noch mehr als drei Grand-Slam-Titel.
Puerta: Von 440 in die Top 15
Mariano Puerta darf mit dem Turnier aber mehr als zufrieden sein. Vor neun Monaten noch die Nummer 440 im Ranking, rückt er nun in die Top 15 vor und wird damit im Juli auch in Gstaad gesetzt sein.
Henin auf dem Weg zu alter Stärke
Obwohl Pierce den Final mit zwei Satzverlusten und drei Stunden weniger in den Beinen erreicht hatte, war Henin-Hardenne im Schlussakt auf dem Weg zu ihrem vierten Grand-Slam-Titel hoch überlegen: Sie gewann den ersten Satz in 24 Minuten und geriet auch im zweiten Durchgang nie in Gefahr. Pierce hatte wie in den vorherigen drei Direktduellen schlicht nicht die Variationsmöglichkeiten, die technisch stärkste Spielerin der Tour auch nur ansatzweise in Verlegenheit zu bringen.
«Ich bin unglaublich happy.»
Die einstige Weltnummer 1 hat damit ihre Saison auf der langsamsten Unterlage ohne jede Niederlage und mit dem vierten Titel (nach Charleston, Warschau und Berlin) abgeschlossen. In diesem Jahr weist sie nun eine 27:1-Bilanz auf und wird im Ranking von Platz 12 auf 7 vorstossen. «Ich bin unglaublich happy. Das ist der Lohn für alle Enttäuschungen des letzten Jahres», sagte die beste Technikerin im Circuit, die nach ihrer Viruserkrankung wieder auf dem Weg zu alter Dominanz ist. Den Sieg widmete sie ihrem Trainer Carlos Rodriguez: «Er hält es seit neun Jahren mit mir aus und es war nicht immer einfach.» Leidtragende von Henins erstmaliger Rückkehr in die Top ten seit Ende Januar ist Patty Schnyder, die heute Montag von Platz 10 verdrängt wird, obwohl die Linkshänderin ihr Punktekonto gegenüber dem Vorjahr äufnete.
Einseitiges Finale
Das französische Publikum erlebt nicht häufig grosse Endspiele beim Heim-Major und wird dann noch oft enttäuscht. Von den letzten vier Endspielen mit einheimischer Beteiligung war dies schon das zweite, das sehr einseitig verlief: 1988 war Henri Leconte beim 5:7, 0:6, 1:6 gegen Mats Wilander sogar ausgepfiffen worden. Diesmal bleib Pierce das gleiche Schicksal wohl nur erspart, weil sie kurz vor Spielende wenigstens noch ein zweites Game gewann. Gleichwohl hat seit 17 Jahren keine Finalistin mehr weniger Games gewonnen: Damals war Natascha Zwerewa in 34 Minuten von Steffi Graf mit der Höchststrafe entlassen worden.
Kein Plädoyer für gleiches Preisgeld
Die Schlussrunden, ansonsten der bei weitem attraktivste Teil im Frauentableau, boten diesmal gar kein Plädoyer zugunsten des stets geforderten gleichen Preisgelds. Mats Wilander war zwar in seiner Aussage ziemlich extrem, wonach er noch nie zwei so schlechte Halbfinals gesehen habe, im Ansatz ist dem schwedischen früheren Ausnahmekönner aber durchaus beizupflichten. Mit Ausnahme von Henin-Hardenne war keine Viertelfinalistin auf der Höhe: In sechs der sieben Partien der letzten drei Runden gewann die Siegerin mindestens doppelt so viele Games wie die Verliererin.
Gute Schweizer Bilanz
Obwohl man sich noch etwas mehr erhofft hatte, fiel die Schweizer Bilanz gut aus. Roger Federer erreichte an der Porte d'Auteuil erstmals die Halbfinals, Stanislas Wawrinka bei seinem Major-Hauptfelddebüt die 3. Runde, Patty Schnyder schied im Achtelfinal gegen Mary Pierce nur knapp aus und Emmanuelle Gagliardi wuchs mit dem Einzug unter die letzten 16 gar über sich hinaus. Federer, Wawrinka und Pierce schieden zudem alle gegen spätere Finalisten aus. (si)
Roland Garros - French Open - Grand-Slam-Turnier (13,5 Mio Euro/Sand).
Männer-Einzel, Final:
Rafael Nadal (Sp/4) s. Mariano Puerta (Arg) 6:7 (6:8), 6:3, 6:1, 7:5.
Frauen-Einzel, Final:
Justine Henin-Hardenne (Be/10) s. Mary Pierce (Fr/21) 6:1, 6:1.
Männer-Doppel, Final:
Jonas Björkman/Max Mirnyi (Sd/WRuss/2) s. Bob Bryan/Mike Bryan (USA/3) 2:6, 6:1, 6:4.
Frauen-Doppel, Final:
Virginia Ruano Pascual/Paola Suarez (Sp/Arg/1) s. Cara Black/Liezel Huber (Sim/SA/2) 4:6, 6:3, 6:3.
Juniorenturniere - Junioren-Einzel, Final:
Marin Cilic (Kro) s. Antal Van der Duim (Ho) 6:3, 6:1.
Juniorinnen-Einzel, Final:
Agnes Szavay (Un) s. Raluca Olaru (Rum) 6:2, 6:1.
Junioren- Doppel, Final:
Edgardo Massa/Leonardo Mayer (Arg) s. Sergei Bubka/Jérôme Chardy (Fr) 2:6, 6:3, 6:4.
Juniorinnen-Doppel, Final:
Victoria Azarenka/Agnes Szavay (WRuss/Un) s. Raluca Olaru/Amina Rachim (Rum/Kas) 4:6, 6:4, 6:0.




